Humboldt-Forschungsstipendiatin zu Gast am Institut für Sozialwissenschaften

Die Politikwissenschaftlerin Isabelle Guinaudeau beschäftigt sich mit Wahlversprechen in Frankreich und Deutschland.

Das Grün in Stuttgart schätzt Dr. Isabelle Guinaudeau aus Frankreich sehr. Und dass es ihren Kindern hier so gut gefällt, macht die ganze Sache optimal. Die Politikwissenschaftlerin vom Centre National de la Recherche Scientifique ist als Humboldt-Forschungsstipendiatin für erfahrene Wissenschaftler an das Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart gekommen.

Zu den Forschungsschwerpunkten von Isabelle Guinaudeau zählen Wahlversprechen und die öffentliche Meinung. (c)
Zu den Forschungsschwerpunkten von Isabelle Guinaudeau zählen Wahlversprechen und die öffentliche Meinung.

Die Landeshauptstadt, wie auch die Universität Stuttgart, hat Isabelle Guinaudeau, deren Lebensweg seit der Schulzeit interkulturell angelegt ist, schon während ihres Studiums kennengelernt. Auf das deutsch-französische Abitur folgte der deutsch-französische Studiengang „Sozialwissenschaften“ von Sciences Po Bordeaux und der Universität Stuttgart, parallel dazu ein Studium der Germanistik. In einem deutsch-französischen Graduiertenkolleg hat Isabelle Guinaudeau promoviert und sie hat an deutsch-französischen Forschungsprogrammen teilgenommen. Nach dem Postdoktorandenjahr in Florenz arbeitete die Wissenschaftlerin am Forschungszentrum Pacte in Grenoble, bevor sie ihr Weg wieder zurück nach Bordeaux führte.

In Stuttgart die Freude an der Forschung entdeckt

„Ohne die Erfahrung an der deutschen Universität, wo ein größerer Schwerpunkt auf die Forschung gelegt wird, hätte ich vermutlich gar nicht promoviert“, erzählt Isabelle Guinaudeau, denn so sei die Freude an der Forschung erst bei ihr aufgekommen. In einer politisch interessierten Familie aufgewachsen, war das Interesse an der Politik schon früh geweckt. Heute zählt sie zu ihren Forschungsschwerpunkten Wahlversprechen und die öffentliche Meinung. Wahlversprechen der seit 1995 regierenden Parteien in Frankreich hat sie unter die Lupe genommen. Welche Wahlversprechen werden gegeben? Welche eingehalten, umgesetzt, und welche Bedingungen müssen dafür gegeben sein? Gibt es Gruppen, die eher auf eine Umsetzung hoffen können? Besonders spannend auch, welches Gewicht etwa der medialen Präsenz von Interessengruppen zukommt.

Um die 750 Wahlversprechen liegen den Ergebnissen von Isabelle Guinaudeaus Forschung zugrunde. Nun reizt sie der Vergleich mit Deutschland. „Ich dachte, das müsste interessant sein“, sagt die Politikwissenschaftlerin. Zwei Länder, die sich so nahe sind, und doch so unterschiedlich, ob hinsichtlich der Institutionen wie auch der Parteienlandschaft. „Man denke nur an die Geschichte, die sozialen, politischen und institutionellen Gegebenheiten“, sagt Isabelle Guinaudeau, „das ist ein faszinierendes Feld für die vergleichende Forschung.“ Umverteilungsversprechen wurden in Frankreich zum Beispiel, wie auch teure Wahlversprechen, eher nicht umgesetzt. Was könnte sich in Deutschland zeigen? Haben aufgrund der starken Gewerkschaften Versprechen zur Umverteilung hier vielleicht mehr Chancen? Besonders spannend und arbeitsintensiv zugleich verspricht aufgrund der Koalitionen die Datenerfassung zu werden, mit der sie vermutlich zusammen mit der Regierungszeit von Schröder beginnen wird. „Öfter als angenommen werden Wahlversprechen übrigens umgesetzt“, merkt Isabelle Guinaudeau an – so sind es beispielsweise in Frankreich und Deutschland rund 60 Prozent, in Großbritannien gar 85 Prozent und sogar in Italien um die 50 Prozent.

Politische Kommunikation

Ein weiteres Forschungsprojekt, an denen Isabelle Guinaudeau beteiligt ist, nimmt sich der Frage an, wie die öffentliche Meinung zum Klimawandel durch die politische Kommunikation beeinflusst wird. Unter welchen Bedingungen sind die Menschen in Deutschland, Polen, Norwegen und Frankreich bereit, etwas dafür zu tun, wie offen sind sie für Maßnahmen? Am Beispiel Fukushima zeigten Guinaudeau und ihre Kollegen bereits auf, welche erstaunlichen Effekte der politischen Kommunikation dabei zukommen können. So wurde etwa in Frankreich die Zustimmung zur Atomenergie nach diesem Ereignis nur kurz verringert, um schließlich höher auszufallen als zuvor. Hier wurde die wirtschaftliche und strategische Schlüsselrolle des Sektors kommuniziert. In Deutschland führte Fukushima dagegen zum Ausstieg aus der Atomenergie.

Optimale Arbeitsbedingungen

In Stuttgart freut sich Isabelle Guinaudeau auf eine spannende Forschung. Am Institut für Sozialwissenschaften gefällt ihr die Offenheit gegenüber externen Gästen, die immer wieder zu Vorträgen vor Ort sind. Die Stimmung sei gut. Sie habe nette Kolleginnen und Kollegen und schätze den Austausch. Ihre Gastgeber sind Prof. Patrick Bernhagen, der zu seinen Schwerpunkten das Thema Interessengruppen zählt, und Prof. Andre Bächtiger, der sich unter anderem mit der politischen Meinungsbildung beschäftigt. „Das sind optimale Arbeitsbedingungen“, so Isabelle Guinaudeau. Ihr Aufenthalt in Stuttgart und ihre Arbeit an der Universität Stuttgart versprechen für sie – einschließlich ihrer ganzen Familie – ein weiteres interessantes internationales Erlebnis zu werden.

Institut für Sozialwissenschaften

Zum Seitenanfang