Parzival meets Big Data

Prof. Gabriel Viehhauser forscht an der Schnittstelle von Literaturwissenschaften und Informatik.

Literatur verstehen mit dem Computer – was vordergründig als Widerspruch erscheint, ist ein Kernanliegen der digitalen Geisteswissenschaften (Digital Humanities, kurz DH). Was man damit herausfinden kann, erklärt Prof. Gabriel Viehhauser. Der gebürtige Österreicher leitet seit Frühjahr 2016 am Institut für Literaturwissenschaft die Abteilung Digital Humanities und ist auch für den gleichnamigen Master-Studiengang verantwortlich.

Den „Parzival“ gibt es gleich 16 Mal. So viele handschriftliche Ausfertigungen des mittelhochdeutschen Versromans von Wolfram von Eschenbach sind der Nachwelt überliefert. Der Ursprungstext dagegen ist bis heute verschollen. Lange Zeit versuchte die Philologie daher, aus den Abschriften auf das Original zu schließen und quasi den „idealen“ Parzival zu rekonstruieren. Ein ernüchterndes Unterfangen, wie man heute weiß: „Möglicherweise hat es den einen Parzival nie gegeben und es waren schon immer mehrere Versionen des Stoffes im Umlauf“, erklärt Gabriel Viehhauser. Und die unterscheiden sich nicht nur in der Sprache, sondern auch in inhaltlichen Details.

Auf der Spur unterschiedlicher Varianzen
Untersucht man die verschiedenen Abschriften mit einem multiperspektivischen Blick, wie er durch neue digitale Textausgaben eröffnet wird, kommt man solchen Varianzen auf die Spur und ebnet den Weg zu interessanten Anschlussanalysen. „Ein Beispiel dafür ist die Gralsbotin Kundrie, ein hybrides Frauenwesen mit Eberzähnen und struppigem Haar, das in verschiedenen Textgruppen je nach Überlieferung immer negativere Züge bekommt“, erläutert Viehhauser.

Prof. Gabriel Viehhauser leitet seit Frühjahr 2016 die Abteilung Digital Humanities am Institut für Literaturwissenschaft.  (c)
Prof. Gabriel Viehhauser leitet seit Frühjahr 2016 die Abteilung Digital Humanities am Institut für Literaturwissenschaft.

Die Herausforderung dabei: Um solche Entwicklungen aufzudecken, sind riesige Textkorpora zu durchforsten. Und das heißt: riesige Datenmengen. Für Viehhauser, der in Basel und Bern an einer überlieferungskritischen Ausgabe des Parzival in elektronischer Form geforscht und auch seine Promotion dem Thema gewidmet hat, war das Werk denn auch der Einstieg in die Digital Humanities. „Mit stilometrischen, auf Statistik basierenden Methoden gelingt es, in der Fülle komplexer Informationen das große Bild zu erkennen. Damit erhalten die Geisteswissenschaften bis zu einem gewissen Grad eine empirische Basis.“ Ein Hindernis für die Auszählung von Wortfrequenzen ist allerdings die oft sehr unterschiedliche Orthografie in mittelalterlichen Schriften. Daher hat Viehhauser sich aktuell moderneren Texten zugewandt. „Im Rahmen der Digital Humanities ist es möglich, Methoden zu entwickeln, die für jeden Text anwendbar sind.“

Die Bedeutung des Raums
Ein weiteres Forschungsthema Viehhausers ist die Bedeutung des Raums in der Narratologie. „Die Räume, in denen eine Geschichte spielt, sind oft semantisch aufgeladen“, erklärt er. „Im Artusroman zum Beispiel, ebenfalls einer mittelalterlichen Textgruppe, transportiert die Tafelrunde bei Hofe Werte wie Zivilisation und Ordnung, ist aber auch ein wenig statisch und ‚langweilig‘. Reitet der junge Ritter Erec dagegen ‚auf aventure‘ in den Wald, wechselt er in die Welt der Ungehobelten, in der auch die Probleme und Grenzgebiete der höfischen Kultur zu Tage treten und in der er sich bewähren kann.

Von solchen Wechseln der räumlichen Sphäre leben viele Erzählungen. Sie sind jedoch mit konventionellen digitalen Textanalysen schwer zu fassen. Einen Ausweg weist hier die Computerlinguistik. Sie erlaubt es, sich an bestimmte Raummarker anzunähern, an Ortsnamen zum Beispiel oder Begriffe wie Berg oder Haus. Aus diesen Markern lassen sich dann mit Hilfe regelbasierter Verfahren die räumlichen Strukturen in großen Textkorpora ableiten. „Die These ist, dass Handlung immer dann stattfindet, wenn Personen die Raumsphäre überschreiten“, sagt Viehhauser. Mit den Methoden der Digital Humanities lasse sie sich empirisch ‚beweisen‘ und man könne gezielt die Ausreißer untersuchen.

Hand in Hand mit der Hermeneutik
Dass es in der eigenen Zunft durchaus auch Vorbehalte gegen die „Mathematisierung der Geisteswissenschaften“ gibt, weiß Viehhauser. „Manche argumentieren, quantitative Methoden würden der Komplexität geisteswissenschaftlicher Objekte nicht gerecht.“ Auch er selbst sagt: „Mit Zählen und Messen alleine ist es nicht getan.“ Ziel Viehhausers ist es daher, die Quantifizierung mit qualitativen Methoden der Hermeneutik, dem intensiven Reflektieren und Interpretieren, zu kombinieren. „Dann bekommen wir eine ganz andere Stoßrichtung.“

Stilometrische Analyse mittelhochdeutscher Literatur.  (c) Institut
Stilometrische Analyse mittelhochdeutscher Literatur.

Radikale Interdisziplinarität
Die Voraussetzung für eine solche Herangehensweise ist radikale Interdisziplinarität. Die ist auch ein Kernanliegen des Master-Studiengangs ‚Digital Humanities‘, und zwar in doppelter Hinsicht: „Die Studierenden kommen zwar zu einem beachtlichen Teil aus den Literaturwissenschaften, aber es sind auch angehende Historiker, Philosophen und Kulturwissenschaftler unter ihnen. Die müssen zunächst einmal eine gemeinsame Sprache finden. Der Begriff „Gattung“ zum Beispiel bedeutet in den Geschichtswissenschaften etwas ganz anderes als in den Literaturwissenschaften.“

Und dann brauchen die jungen Menschen natürlich Programmierkenntnisse, Statistik, Visualisierung – für technisch weniger beschlagene Bewerberinnen und Bewerber ist das eine Herausforderung. Doch eine, die sich lohnt: Die Studierenden können nicht nur bei der Erforschung eines jungen Feldes mit neuen, interdisziplinärer Wechselwirkungen mitwirken, sondern auch auf gute Berufsaussichten hoffen. Die ersten Stuttgarter Studierenden haben ihren Abschluss zwar noch vor sich, ergänzt Viehhauser, doch die Erfahrungen an den wenigen anderen Universitäten in Deutschland, die Digital Humanities anbieten, stimmen optimistisch: „Die Leute kommen alle unter.“

Dieses Bild zeigt Viehhauser
Prof. Dr.

Gabriel Viehhauser

Abteilungsleiter Digital Humanities

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