15. Dezember 2020

„Nur hervorragend tüchtige Naturen“ –
Universität Stuttgart im antiquarischen Zeugnis von 1904

Seit 1967 heißt die Universität Stuttgart "Universität". Um das Jahr 1900 war sie noch eine von neun Technischen Hochschulen im Deutschen Reich – eine der heutigen TU9. Ein Blick ins Archiv zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum heutigen Universitätsleben.

Eisenbahn, Dampfschiff und Telegraf

Eine Welt ohne Smartphone in der Tasche, ohne bunte Lichterketten über den Straßen und ohne Webex-Meetings vom Esstisch aus: Um 1900 war das Alltag. Bei der Geburtstagsfeier des letzten Königs von Württemberg, Wilhelm II., konnte Professor Jakob Johann von Weyrauch (1845–1917) dennoch auf technische Errungenschaften zurückblicken. Elektrisches Licht, Eisenbahnen und Dampfschiffe, Telegrafen und Telefone lobte der damalige Rektor der Technischen Hochschule zu Stuttgart. Hier hielt er Vorlesungen über Ingenieurskonstruktion oder mechanische Wärmetheorie und wollte trotz mehrerer Rufe an andere Hochschulen die schwäbische Metropole nicht verlassen.

Zu sehen ist eine Seite aus dem Band "Berufswahl: Das technische Studium". Oben ist ein schönes Ornament mit technischem Bezug. Im Fließtext findet sich das Zitat von Rektor Prof. Weyrauch.
Die Allgemeine Einleitung zu Beginn des Ratgebers zum technischen Studium lässt den Stuttgarter Rektor Prof. Jakob Johann von Weyrauch zu Wort kommen.
Zu sehen ist das Cover des Ratgeber-Buchers

Berufswahl: Das technische Studium

Die Industrialisierung hatte im 19. Jahrhundert den Bedarf an Technischen Hochschulen überhaupt erst geweckt und zur Gründung der heutigen Universität Stuttgart im Jahr 1829 geführt. Die Wissenschaft sollte „systematisch in den Dienst des praktischen Lebens“ gestellt werden. Das weiß ein kleines Büchlein, das normalerweise in der verschlossenen Vitrine des gegenwärtig ebenfalls verschlossenen Rektoratsgebäudes in der Keplerstraße 7 steht. „Berufswahl: Das technische Studium“ lautet der Titel. Auf das Cover wurde die schmückende Radierung – das angehende Genie zeigend – noch liebevoll von Hand aufgeklebt. Das Buch erschien 1904 in der Reihe „Illustrierte Taschenbücher für die Jugend“. Geschrieben wurde der 138 kleine Seiten starke Ratgeber zum Technik-Studium von Heinrich Bauer.

Zu sehen ist eine werbende Schmuckseite am Ende des Buches, das alle Bänder in der Reihe auflistet.
In der Reihe "Illustrierte Taschenbücher für die Jugend" erschienen auch die Bände "Der junge Eisenbahnbauer", "Der Käfersammler" sowie "Arbeiten aus Zigarrenkisten".

Wer heute darin blättert, trifft auf Wissenswertes und so manche Kuriosität. Zu Letzterem gehört, dass Studierende von ihrer Hochschule disziplinarrechtlich belangt werden konnten, etwa „wegen leichtsinnigen Schuldenmachens“. Aus heutiger Sicht zählt dazu auch die erstaunliche Beobachtung, dass völlig genderkonform durchweg von „Studierenden“ oder „Neueintretenden“ gesprochen wird.

Zunächst ist da allerdings die bedeutungsschwangere Intention der Technischen Hochschule zu nennen: In den Spuren Gotthold Ephraim Lessings wird sie als „eine neue geistige Erziehung des Menschengeschlechts“ benannt. Wichtig zu betonen war zudem, dass die „Hochschule“ nur „Schule“ im Namen trägt, aber keinesfalls mit einer Fortsetzung der Schule zu verwechseln sei. Vielmehr ginge es darum, „die Hörer zum selbständigen Denken und Forschen anzuleiten“ – genau wie heute auch noch.

Die Hochschule ist nicht bloß eine Fortsetzung und ein Abschluß der Schule, sondern eine Pflanzstätte der freien Wissenschaftlichkeit und der weiterschreitenden selbständigen Forschung.

Berufswahl: Das technische Studium, S. 128

Von Aachen bis Stuttgart – die TU9

Spannend wird es auch, wenn „die gegenwärtig vorhandenen neun Technischen Hochschulen des Deutschen Reiches“ vorgestellt werden. Man erkennt exakt die heutigen TU9 wieder, die Mitglieder des Verbands der neun führenden deutschen Universitäten für Technik, der erst 2006 gegründet wurde.

Es sind durchgängig bescheidene Anfänge, aus welchen heraus die gegenwärtig vorhandenen, neun Technischen Hochschulen des Deutschen Reiches, Aachen, Berlin, Braunschweig, Darmstadt, Dresden, Hannover, Karlsruhe, München und Stuttgart, sich entwickelt haben.

Berufswahl: Das technische Studium, S. 8
Blick in einen Maschinenraum an der Technischen Hochschule Karlsruhe

Der Verfasser hat sich die Mühe gemacht, alle neun Hochschulen genauer unter die Lupe zu nehmen. Für Architektur, Bauingenieurwesen oder Maschinenbau konnte man sich überall einschreiben. Darüber hinaus hatten einzelne Hochschulen fachliche Besonderheiten. Während man in Berlin und Hannover zusätzlich Schiffs- und Schiffsmaschinenbau studieren konnte, lag in München ein Schwerpunkt auf Landwirtschaft, in Karlsruhe einer auf der Forstwirtschaft. In Stuttgart gab es ein Proprium auf dem „höheren Eisenbahn-, Post- und Telegraphierdienst“. Hinter dem Studium der „allgemein bildenden Fächer“ verbergen sich die Geisteswissenschaften in Stuttgart. Ein Diplom in Deutsch, Geographie oder Kunstgeschichte konnte man erlangen, sich außerdem für den Schuldienst qualifizieren.

Auch die heute starke internationale Vernetzung der Universität Stuttgart wird bereits sichtbar. Anders als in München mussten Studierende aus dem Ausland in Stuttgart keine erhöhten Studiengebühren entrichten. So kam der Anteil der Nicht-Württemberger auf ein starkes Drittel. Selbst aus Amerika und Japan strömten Wissenswillige herbei.

Die Nichtwürttemberger verteilen sich auf das Deutsche Reich, fast sämtliche europäische Staaten, Nord- und Südamerika, sowie Japan.

Berufswahl: Das technische Studium, S. 32

Selbst eine reiche Nation hat keinen Überfluss an Talenten

Der kleine Ratgeber säumt nicht, sich über die notwendigen charakterlichen Voraussetzungen auszulassen, wenn jemand vorhabe, ein technisches Studium aufnehmen zu wollen. „Nur hervorragend tüchtige Naturen“ seien für das technische Studium geeignet, so Bauers Einschätzung. Sie müssten sich durch „Arbeitskraft“, „Charakter“ und „Willenskraft“ auszeichnen.

Da das Studium um 1900 eine kostspielige Angelegenheit war – „rund 300 Mark“ pro Studienjahr plus Lebenshaltungskosten – war außerdem auch die Bereitschaft gefordert, „der Dürftigkeit und Armut zum Trotze sich dem technischen Studium zu widmen“. Zum Vergleich: Für ein Paar ordentliche Sonntagsschuhe zahlte man 10 Mark und für 100 Mark konnte sich eine vierköpfige Arbeiterfamilie einen Lebensmittelvorrat anlegen, um über den Winter zu kommen.

„In Stuttgart hat jeder Studierende mindestens 60 Mark Unterrichtsgeld für das Semester zu bezahlen, in welchen Betrag das Honorar für Privatvorlesungen nicht mit eingerechnet ist. Das Honorar für solche Vorlesungen wird durch die Dozenten festgesetzt. Dazu treten noch Ersatzgelder für die Benutzung der Apparate und Instrumente, sowie für den Materialverbrauch. Die Aufnahmegebühr für Neueintretende beträgt 10 Mark. Das von den Hospitanten zu entrichtete Honorar beträgt für einen einstündigen Vortrag 6 Mark, für einen zweistündigen 11, für einen dreistündigen 15, für einen viertsündigen 19 Mark pro Semester. Umfaßt der Vortrag mehr als 4 Stunden, so wird jede weitere Stunde mit 3 Mark berechnet. Bei Uebungen zahlen Hospitanten das Doppelte der für Studierende bestehenden Sätze. Die an Uebungen und Exkursionen Beteiligten sind gegen Unfall, vorerst aus Mitteln der Hochschule, versichert. Unterrichtsgeldbefreiung genossen im Jahr 1899/1900 122 Studierende auf 745 württembergische Studierende.“
(Berufswahl: Das technische Studium, S. 17)

Exemplarischer Blick in eine Studentenbude aus dem Jahr 1914 (Archivmaterial).

Ein sozialer Gedanke durfte um 1900 nicht fehlen. Stipendien – etwa das „Weihnachtsstipendium“ der Stuttgarter Freimaurer – werden genannt und der Akzent darauf gesetzt, dass selbst die reichste Nation es sich nicht leisten könne, Talente zu vergeuden.

Ganz dem Talent überlassen wollte Bauer die Berufswahl dann allerdings doch nicht. Man müsse sich schon Gedanken über „Aussichten für das spätere Fortkommen“ machen. Da jedoch Menschen in technischen Berufen von Staat, Kommune und Wirtschaft gleichermaßen gefragt seien, sei das technische Studium eine außerordentlich aussichtsreiche Wahl. Der Ratgeber zur Berufswahl kann das Studium an der Technischen Hochschule also – ohne Garantien aussprechen zu wollen – voll empfehlen.

Die Mensur, Fechtkampf zwischen Mitgliedern von Studentenverbindungen, hätte Heinrich Bauer an Technischen Hochschulen lieber nicht mehr gesehen.

Pflege der Geselligkeit

Zuletzt wird noch ein Blick auf das studentische Vereinsleben geworfen. Auch wenn die Technischen Hochschulen sich leider auch in den umtriebigen Auswüchsen ein Vorbild an den etablierten Universitäten genommen hätten, sei die „Pflege des Frohsinns und der Geselligkeit“ doch grundsätzlich zu begrüßen. Außerdem könne die „Geselligkeit“ letztlich ja auch wieder „in den Dienst wissenschaftlicher Zwecke gestellt werden“, schreibt Bauer. Man kann durchaus ein Augenzwinkern mitlesen.

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