18. Februar 2021

Ein Algorithmus als Co-Autor

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hielt am 9. Februar die erste Stuttgarter Zukunftsrede.

Mit seinen Werken wie etwa „Die Vermessung der Welt“, „Tyll“ oder „Ich und Kaminski“ erlangte Daniel Kehlmann nationale wie internationale Bekanntheit. Auf Einladung eines Partnerverbunds, bestehend aus dem Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung der Universität Stuttgart, dem Literaturhaus Stuttgart und dem Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart, war er in die Landeshauptstadt gekommen. Unter dem Titel „Mein Algorithmus und Ich“ berichtete er von seinem Ausflug in die Zukunft.

Pandemiebedingt fand die Rede nicht in der Liederhalle vor großem Publikum statt, sondern online live aus dem Literaturhaus.
Daniel Kehlmann berichtet von seinen Erfahrungen mit seinem Co-Autor CTRL.

“It was a beautiful day in summer.” – “The sun shone brightly on the green grass and flowers of the garden, but there were no birds to sing or insects to hum.” So fing alles an. Daniel Kehlmann hatte den Einstieg geliefert, sein Co-Autor CTRL, ein Algorithmus, die Fortsetzung. Das exklusive Schreiberduo, das im Ping-Pong an einer Geschichte arbeitete, hatte Anfang 2020 im Silicon Valley auf Einladung einer Firma zusammengefunden. Hinter dem Experiment stand die Frage: Kann ein Algorithmus Geschichten schreiben?

Wie der Geist aus der Flasche

„Keine Sekunde habe ich gezögert, das Angebot anzunehmen“, sagte Daniel Kehlmann und räumte ein, von seinem Schreibpartner dann allerdings doch etwas enttäuscht gewesen zu sein. Wie in Science-Fiction Romanen erwartete er auf ein kleines menschliches Wesen im metallenen Kasten zu treffen, oder auf etwas, vergleichbar der Roboterfrau in Fritz Langs Film Metropolis. Stattdessen traf er seinen Co-Autor CTRL nie persönlich, der kam „wie der Geist aus der Flasche“, wenn er ihn am Computer „rief“. Vermutlich sei dessen Aufenthaltsort irgendeine klimatisierte Serverfarm an einem geheimen Ort in irgendeiner Salzwüste, mutmaßte Kehlmann.

Ein Faible fürs Surreale

Um es vorwegzunehmen – eine Kurzgeschichte gibt es nicht. CTRL, „der wirkungsvolle Meister des Anfangs“, wie ihn Daniel Kehlmann beschreibt, entpuppte sich, ob Prosa, Gedicht, Drama oder Schauspiel, als Freund des Fragments und Surrealen. Nach wenigen Seiten, mit allerdings oft wundersamen Wendungen, und durchaus auch Spannungsmomenten, ist Schluss. Der Algorithmus verliert den Faden. „Das Kafkaeske liegt CTRL eindeutig besser als Dickens“, sagt Kehlmann und merkt an, dass die Ungereimtheiten seines Co-Autors bei Gesprächen durchaus realistisch wirken können, sprächen die Menschen doch nun mal ständig aneinander vorbei.

Diskussion des Autors mit Prof. Michael Resch, Direktor des Höchstleistungsrechenzentrums an der Universität Stuttgart, moderiert von der Wissenschaftsjournalistin Eva Wolfangel.

„Mitten ins Herz“

Das Experiment ist fehlgeschlagen. Mit „Mein Algorithmus und Ich“ gibt es dennoch eine Geschichte, nämlich über das Schreiber-Duo Mensch-Maschine. Allein die Passagen, die Kehlmann vorliest – und wie er sie vorliest – machen Lust auf mehr. „Wir sind sehr froh, dass Daniel Kehlmann die Einladung angenommen hat“, sagt Dr. Elke Uhl, Geschäftsführerin des IZKT. Ihr Kollege Dr. Felix Heidenreich merkt an: „Es war eine super Idee einen Schriftsteller anzufragen.“ Kehlmanns Erzählkunst, seine feine Ironie sei ebenso beeindruckend gewesen, wie all die philosophischen Fragen rund um Bewusstsein und Intelligenz, die in der nachfolgenden Diskussionsrunde mit dem Direktor des Höchstleistungsrechenzentrums, Prof. Michael Resch, aufkamen, wie auch im Werkstattgespräch einen Tag später. „Mit all seinen Gedanken hat er an unserer technisch orientierten Universität mitten ins Herz getroffen und zu einem inneruniversitären Diskurs über alle Altersgrenzen und Institute hinweg verholfen“, erklärt Elke Uhl.

„Zauberhafte“ Zweitverwertungsmaschine

„Eine emotionale Beziehung habe ich zu CTRL nie aufgebaut“, erzählte Kehlmann, sein Gegenüber sei ja nicht einmal in der Lage gewesen, Bewusstsein wenigstens überzeugend zu simulieren. Trotz allem sei der „silikonbasierten Intelligenz“ jedoch etwas „zauberhaftes“ angehangen. Dem Wunsch, in deren Sätze lektorierend einzugreifen, habe er sich nur schwer entziehen können, gestand Kehlmann, und bei unerwarteten Wendungen der Geschichte habe er stets – wider besseren Wissens – auf eine Auflösung gehofft. Dabei war Kehlmann klar: CTRL ist eine reine Zweitverwertungsmaschine, die sich aus all den Millionen von Büchern, Tweeds, und anderen online verfügbaren, von Menschen verfassten, Informationen bedient, um Geschichten gemäß der Wahrscheinlichkeit zu schreiben. So folgt etwa auf „ich“ eher „gehe“ oder „glaube“ statt etwa „Lampe“ oder „Erlkönig“.

Künstliche Rationalität

Um seinen Beruf als Autor muss Kehlmann nicht fürchten. Auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeitsrechnungen werden keine Geschichten geschrieben. Auch mehr Rechnerleistung werde daran nichts ändern, erklärte Michael Resch. Ab einem bestimmten Punkt verfüge der Rechner bei einer Kommunikation nicht mehr über die notwendige Fähigkeit, einen sinnvollen Kontext herzustellen – „die Realität abbilden geht nicht“. Die Bezeichnung Künstliche Intelligenz mag Resch daher übrigens nicht. Da Intelligenz Bewusstsein voraussetze, die dem Algorithmus fehle, fände er es passender, von Künstlicher Rationalität zu reden. Daniel Kehlmann gefiel dieser Vorschlag, er werde in Zukunft diesen Begriff nutzen, sagte er.

Alle zwei Jahre soll ab jetzt die Stuttgarter Zukunftsrede mit Persönlichkeiten aus Literatur, Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur zum Nachdenken über die Zukunft anregen. Den Impuls dazu gab den Organisatorinnen der Schriftsteller Roger Willemsen mit seiner Zukunftsrede „Wer wir waren“, die er kurz vor seinem Tod hielt. Darin wird unsere Gegenwart aus der Zukunft betrachtet, richtet sich aus der Distanz der Blick auf das hier und jetzt.

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