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Wie komme ich in das Gebäude, welche Wege sind möglich?

Hilfreiche Tipps für Menschen mit Behinderungen

Eine lohnende Kooperation zwischen dem Arbeitskreis Barrierefreier Campus und der Fakultät Architektur und Stadtplanung

Die Ausgangslage ist nicht gerade einfach: 160 Uni-Gebäude, die meisten sind älteren Datums. Hier innerhalb von kurzer Zeit eine komplette Barrierefreiheit herzustellen, ist praktisch unmöglich.

AK Barrierefreier Campus
Der Arbeitskreis hat unter anderem das Ziel, die bauliche Situation der Universität im Hinblick auf Barriere­freiheit zu erheben. So werden beispiels­weise die Uni-Mitglieder aufgerufen, bei einer Bestands­aufnahme der Gebäude­situation teil­zunehmen.

Sigrid Eicken, Beauftragte für Studierende mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen und Mitglied des AK Barrierefreier Campus hatte deshalb die Idee, die Fakultät Architektur und Stadtplanung mit ins Boot zu holen und ein Studierendenprojekt zu entwickeln, bei dem diese Rundgänge durch verschiedene Gebäude durchführen und diese im Hinblick auf Barrierefreiheit untersuchen. Ihre Anfrage stieß in der Fakultät auf offene Ohren. Prof. Thomas Jocher und Dr. Sigrid Loch vom Institut Wohnen und Entwerfen  gaben die Zusage für ein Projekt, dass nun im Rahmen der Pflichtübung „Gebäudelehre“ für Studierende des 3. Semesters stattfindet. Dies geht im Wintersemester 2017/18 schon in die zweite Runde. Rund 70 Gruppen mit je drei Studierenden untersuchen insgesamt 35 Gebäude. Sie erhalten dafür verschiedene „Hilfsmittel“ wie Rollstühle, Langstöcke für Sehbehinderte und Simulationsbrillen.

Wie es sich anfühlt, wenn man im Rollstuhl ein Gebäude „betreten“ möchte

Die Gruppe von Amelie Hofer, Julius Stark und Patricia Krempels nimmt das Gebäude am Allmandring 35, das die Institute für Fertigung und Fabrikbetrieb und für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement beherbergt, unter die Lupe. Amelie ist gehbehindert und sitzt im Rollstuhl. Patricia hat sich den Langstock und die präparierte Brille ausgesucht. Julius macht Fotos von den verschiedenen Gebäudesituationen. Die Aufgabe besteht darin, zu dokumentieren, was besonders gut ist und wo es Hindernisse gibt. Untersucht werden sollen die öffentlich zugänglichen Bereiche des Gebäudes, nicht die Büros.

Am Eingang des Gebäudes gibt es eine Drehtür, das ist für Rollstuhlfahrer schwierig. Doch direkt daneben ist noch eine zweite Tür mit elektrischem Türöffner. Die ist zwar relativ schmal, Amelie schafft es aber ganz gut, durch diese Tür ins Gebäude hineinzukommen.

Als nächstes der Aufzug: Er ist ziemlich groß, so dass auch Rollstuhlfahrer sich mühelos umdrehen können. Zudem werden die Stockwerke bei der Ankunft angesagt, so dass auch Sehbehinderte wissen, wo sie sich befinden.

Nicht ganz so gut läuft es bei den Türen vor den langen Fluren, sie gehen sehr schwer auf. Ohne Hilfe schafft Amelie das nicht. Auch die Küchen auf jedem Stockwerk sind ein wenig eng, ein Umdrehen mit dem Rollstuhl ist kaum möglich. Das gilt auch für die Brückenstege, die die beiden Gebäudeteile miteinander verbinden.

Patricia überprüft mit dem Langstock und der präparierten Brille auf der Nase die Treppe in den 1. Stock. „Das ging ziemlich gut“,  berichtet sie. Schwieriger ist eher, dass die hellen Wände und der helle Boden kaum Kontrast bieten, auch die Treppenstufen haben an den Kanten keine farbliche Absetzung, so dass sie nicht so einfach zu erkennen sind. An einigen wenigen Treppen ist der Handlauf auf einer Seite nicht durchgängig. „Das war aber nicht so schlimm“, erklärt Patricia. Dafür bemängelt sie die Schrift auf den Türschildern. Sie ist nicht dreidimensional und deshalb nicht zu ertasten.  

Im 2. OG ist eine Behindertentoilette, diese ist allerdings vom Erdgeschoss aus nicht ausgeschildert und sie ist abgeschlossen, stellt die Gruppe fest.  

„Es gibt keine echten Hindernisse“

Nach dem Rundgang fasst Amelie zusammen: „Das Gebäude ist sehr funktional. Insgesamt gesehen gibt es keine echten Hindernisse, man kommt überall hin.“ Sie merkt an: „Gut wären Türen mit elektrischen Öffnern.“  Sie findet das Rundgang-Projekt sehr interessant: „Man geht mit offeneren Augen durch die Gebäude.“ Auch Julius bestätigt, dass man erst bei so einer detaillierten Untersuchung erkenne, welche Hürden es manchmal zu überwinden gilt und ergänzt: „Ich finde es gut, dass wir hier praktisch tätig werden können.“

Was wird aus den Ergebnissen?

Die durch die Rundgänge entstandenen Dokumentationen sollen für ein Manual genutzt werden, damit Behinderte wissen, auf was sie sich einstellen müssen. „Das ist sehr wichtig“ sagt Amelie, „wenn man mal weiß, wo man hin muss, geht es auf dem Campus ganz gut. Man muss zwar manchmal Umwege machen, aber insgesamt ist es ganz ok.“ Schwierig findet sie es in Hörsälen, die keine extra Tische für Rollstuhlfahrer haben.

Es ist behinderten Mitarbeitenden, Studierenden und Gästen schon sehr viel geholfen, wenn durch Pläne die Situation sichtbar gemacht wird, erklärt der AK Barrierefreier Campus. Wie komme ich als Rollstuhlnutzer in ein Gebäude, zu meinem Hörsaal, zu einem Professorenbüro? Gibt es Technik für Hörbehinderte in den Hörsälen? Welche Gefahrenstellen bestehen für Sehbehinderte? Gibt es spezielle Plätze für Rollstuhlnutzer in Hörsälen? Wo ist die Behindertentoilette in diesem Gebäude? Wo sind Behindertenparkplätze?

Alle ziehen an einem Strang

Die erfassten Gebäudebeschreibungen und Lageplänen sollen bis Mitte 2018 auf den Seiten des Arbeitskreises abrufbar sein. Später soll auch ein interaktiver Online-Campusplan entstehen. Auch ein Maßnahmenkatalog zur Beseitigung von Barrieren soll entstehen. Langfristig werde sich die Barrierefreiheit also weiter verbessern, so Sigrid Eicken. „Wir blicken auf dieses Projekt der gesamten Uni mit großem Stolz, denn hier ziehen die Beauftragten für behinderte Menschen, die Uni-Leitung, die Uni-Verwaltung und der Bereich Lehre an einem Strang, um dem gemeinsamen Ziel der Barrierefreiheit näher zu kommen.“ erklären die Mitglieder des AK Barrierefreiheit.