Was Digital Natives von Hochschulen erwarten

Jahreskonferenz „Digitalisierung in der Lehre als Agenda: Hochschulstrategische und fachspezifische Handlungsansätze“ des Hochschulnetzwerks Digitalisierung der Lehre Baden-Württemberg.

Dr. Simone Rehm, die Prorektorin für Informationstechnologie (CIO), begrüßte die rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jahreskonferenz.  (c)
Dr. Simone Rehm, die Prorektorin für Informationstechnologie (CIO), begrüßte die rund 150 Teil­nehmerinnen und Teilnehmer der Jahreskonferenz.

Die Jahreskonferenz des landesweiten Hochschulnetzwerks Digitalisierung der Lehre fand Ende September an der Universität Stuttgart statt. Rund 150 Teilnehmer, darunter auch viele Mitglieder aus Hochschulleitungen, diskutierten über hochschulstrategische und fachspezifische Handlungsansätze für die Digitalisierung in der Lehre. Dr. Simone Rehm, die Prorektorin für Informationstechnologie (CIO) an der Universität Stuttgart, freute sich gemeinsam mit dem Prorektor für Lehre und Weiterbildung, Prof. Hansgeorg Binz, über das große Interesse. „Nur weil es neue digitale Formate gibt, werden diese nicht automatisch in der Lehre eingesetzt“, erklärte Rehm in ihrer Begrüßung. Die Lehrenden dafür zu motivieren und zu begeistern, sei ein Ziel des Netzwerks.

Das Hochschulnetzwerk Digitalisierung der Lehre Baden-Württemberg ist ein Zusammenschluss der staatlichen Hochschulen Baden-Württembergs zur kooperativen Weiterentwicklung der digital gestützten Hochschullehre.  www.hnd-bw.de/

Ein Digital Native spricht über seine Wünsche und Erwartungen an die Hochschulen

Als Einstieg und Inspiration für die Konferenz hatte das Netzwerk den Studenten und digitalen Aufklärer Philipp Riederle eingeladen. Der 24-Jährige, der mit 13 Jahren seinen ersten Podcast veröffentlichte, hat zwei Bücher über seine Generation geschrieben und wurde mehrfach ausgezeichnet.

Die digitale Welt ist Teil der realen Welt
„Viele von Ihnen habe sicher ein ähnliches Exemplar wie mich Zuhause“, wendet Philipp Riederle sich an das Publikum. Er möchte der in der analogen Zeit aufgewachsenen Generation erklären, wie seine, die digitale Generation, tickt. „Für uns gibt es gar keinen Unterschied zwischen digitaler und realer Welt, die digitale Welt ist Teil der realen Welt. Wir haben es gar nicht anders kennengelernt.“ Wir, damit meint er im Groben alle, die nach 1985 geboren sind. Er nennt auch Verbindendes zwischen den Generationen: „Wir wollen unsere Kinder so erziehen, wie wir selbst erzogen worden sind. Uns sind Werte wie Heimat und persönliche Bindungen sehr wichtig.“ Das sei sozusagen als Ausgleich zu verstehen, zur eher oberflächlichen digitalen Welt. „Wir leben in einem sehr wohlhabenden Land, konnten schon immer hingehen, wo wir wollten. Jeder von uns kann seine Gedanken einem weltweiten Publikum zugänglich machen. Uns stehen aufgrund des Fachkräftemangels viele Arbeitsplätze offen und eine geradezu unüberschaubare Zahl an verschiedenen Studienfächern“, beschreibt er die Möglichkeiten seiner Generation.

Internet bietet viele Möglichkeiten zum Lernen
Riederle ist begeistert von den Möglichkeiten, die das Internet bietet, man könne dort durch verschiedene Online-Kurse, Videoclips und andere Formate sehr vieles lernen. Auf diese Weise habe er sich selbst einiges beigebracht. „Wir wundern uns, wie die Politik auf diese Veränderungen und Möglichkeiten reagiert“, erklärt der Vertreter der Digital Natives. Es sei leider nicht viel passiert. So bilde Deutschland beispielsweise gemeinsam mit Österreich in Europa das Schlusslicht bei dem Ausbau des Glaserfasernetzes, bemängelt er. Auch bei dem Einsatz von digitalen Technologien seien China und die USA schon viel weiter, Deutschland verpasse den Anschluss. „Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem der technologische Fortschritt so schnell stattfindet wie nie zuvor. Doch sind wir in diesem Land und an diesen Hochschulen darauf vorbereitet?“ fragt der Student.

Interaktive Lernsoftware
Riederle ist erstaunt darüber, warum man Vorlesungen lieber in den Nachbarhörsaal überträgt, statt ins Internet und wieso eine Frontalvorlesung immer noch Standard ist und nicht der sogenannte Flipped Classroom (bei diesem Konzept werden Lerninhalte online zur Verfügung gestellt und bereiten auf eine anschließende Präsenzveranstaltungen vor). Er nennt drei Stufen der digitalen Nutzung: 1. Die Vorlesungsaufnahme, 2. MOOCs (Massive Open Online Courses) und SPOCs (Small Private Online Courses) und 3. Interaktive Lernsoftware.

Der 24-Jährige rechnet vor, wie viele BWL-Einführungsvorlesungen in Deutschland stattfinden und erklärt, dass dies eine Verschwendung sei. „Wie viel sinnvoller wäre es, wenn die besten Dozentinnen oder Dozenten eine Vorlesung halten, die dann im Internet von vielen BWL-Studierenden verfolgt werden kann.“ Viele Stunden der Lehrenden ließen sich einsparen und für wertvolle Interaktion verwenden. „Ich bin nicht gegen Präsenzlehre. Aber statt Vorlesungen für 1.000 Studierende zu halten, wäre eine individuelle Betreuung besser, hier könne die Expertise viel besser genutzt werden.“

Netflix als Vorbild für eine Plattform für Studierende
Als plastisches Beispiel, wie er sich die Hochschulausbildung vorstellt, nennt Philipp Riederle Netflix als Vorbild. Was auf den ersten Blick befremdlich erscheint, spielt er anhand eines Beispielsemesters durch: Ich suche mir von einer Plattform unterschiedliche Veranstaltungen bzw. Inhalte von verschiedenen Hochschulen aus und stelle mir „Meine Seite“ zusammen. Mir werden Inhalte empfohlen, aufgrund meiner bisherigen Auswahl und aufgrund der Auswahl von anderen Studierenden, die ein ähnliches Profil wie ich haben. Die Plattform informiert auch über besonders gut bewertete Vorlesungen usw. Später suche ich mir einen Praxispartner oder eine Lerngruppe vor Ort. Die Einführungsvorlesung höre ich online, ergänzend nutze ich ein interaktives Lehrbuch. Darüber hinaus wähle ich verschiedene Präsenz-Blockkurse zu speziellen Themen an verschieden Hochschulen aus und werde für ein Praktikum bei einer passenden Firma gematcht. So umreißt Riederle seine Wunschvorstellung vom Ablauf eines Studiums. Dem Publikum gibt der Digital Native zum Abschluss seines Vortrags mit auf dem Weg: „Seid offen und lasst Euch ein, baut Barrieren ab und vor allem: Habt keine Angst!“

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussion: Dr. Ellen Fetzer (Vertreterin der HAWen im Netzwerk), Prof. Angelika Storrer, (Prorektorin Studium und Lehre an der  Universität Mannheim), Prof. Alexander Wanner (Vizepräsident für Lehre und akademische Angelegenheiten am Karlsruher Institut für Technologie), Prof. Susanne Weissman (Vizepräsidentin der Technischen Hochschule Nürnberg).

Workshops und Podiumsdiskussion

In den Workshops diskutieren die Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer über die Strategieentwicklung aus unterschiedlicher Hochschulperspektive, stellten digitale Lehre in MINT-Fächern anhand von Praxisbeispielen vor und tauschten sich über Möglichkeiten der digitalen Lehrerbildung und Weiterbildung aus. Über diese könnten auch die Schülerinnen und Schüler erreicht bzw. lebenslanges Lernen ermöglicht werden. Ziel sei unter anderem  eine höhere Medienkompetenz.

Bei der Podiumsdiskussion zum Thema „E-Learning ist tot. Es lebe die Digitalisierung?“ herrschte Einigkeit darüber, dass E-Learning als Teilmenge von Digitalisierung zu verstehen ist. Digitalisierung sei sehr viel umfassender. Dass Studieninhalte überarbeitet und an die digitale Welt angepasst werden, gehöre auch zum Prozess. Ein gutes Beispiel dafür seien zum Beispiel die Digital Humanities. Auch in Bezug auf Verwaltungsprozesse müsse eine digitale Transformation stattfinden. „Doch auch Frontalvorlesungen werden weiterhin ihren Platz haben“, ist die Einschätzung von Prof. Angelika Storrer, der Prorektorin Studium und Lehre der Universität Mannheim. Wichtig sei es, die Studierenden auf die digitale Welt vorzubereiten. Ein weiteres Thema war die Frage nach der Finanzierung. E-Learning als Zusatzangebot, d.h. alles weiterführen wie bisher und zusätzlich E-Learning-Formate offerieren, das sei sehr aufwändig und teuer.

Förderung über den Hochschulfinanzierungsvertrag

Staatssekretärin Petra Olschowski vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg betonte in ihrem Statement die Bedeutung der dauerhaften Finanzierung. Es sei wichtig, dass auch nach Beendigung von E-Learning-Projekten weitere Mittel für die Fortführung und den nachhaltigen Einsatz über den Hochschulfinanzierungsvertrag gesichert werden.

Ausblick zum Netzwerk

Dr. Simone Rehm und Prof. Alexander Wanner, Vizepräsident für Lehre und akademische Angelegenheiten des Karlsruher Instituts für Technologie gaben abschließend einen Rück- und Ausblick zur Fortführung des Netzwerks, dessen Finanzierung durch das MWK nach drei Jahren Ende September 2019 endet. Vieles konnte in dieser Zeit erreicht werden: Neben einem lebendigen Austausch der E-Learning Akteure über alle Hochschularten hinweg sind auch greifbare Fortschritte erzielt worden. So konnte eine weitere Förderung zum Aufbau einer zentralen Plattform für Open Educational Resources eingeworben werden. Das MWK ist den Empfehlungen des Netzwerks auch an anderer Stelle gefolgt und hat noch weitere spezifische Ausschreibungen zur Digitalisierung in der Lehre auf den Weg gebracht. Das Netzwerk als solches soll in modifizierter Form weitergeführt werden, indem beim KIT eine Geschäftsstelle eingerichtet wird, die auf weitere 3 Jahre zunächst von den Universitäten finanziert wird. Ihre Aufgabe wird es sein, die Kooperation und den Austausch der Universitäten weiter zu moderieren und in bewährter Weise Synergien zu schöpfen. Es bleibt zu wünschen, dass sich auch Vertreter anderer Hochschularten dem neuen Verbund anschließen können, auch wenn ein konkretes Modell dafür noch nicht existiert. Die Jahrestagung hat aber das breite Interesse daran überzeugend demonstriert.

E-Learning-Starterpaket an der Universität Stuttgart
Das Projekt bildet anknüpfend an die Peer-to-Peer-Beratung in 2018 den Auftakt zur Weiterentwicklung digitaler Lehrformate an der Universität Stuttgart. Es soll Lehrziele und die Bedarfe der Studierenden ermitteln und im Wesentlichen drei Punkte adressieren: Es soll Lehrenden und Studierenden eine Übersicht über den aktuellen Einsatz von E-Learning Formaten und Best Practise Beispielen geben, 2020 soll an der Universität Stuttgart erstmals ein „Tag der Lehre“ durchgeführt werden, und Weiterbildungsangebote zur Digitalisierung für Lehrende sollen entstehen.
Lehrpolicy zum Lehren und Lernen mit digitalen Formaten

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Dr.

Simone Rehm

Prorektorin für Informationstechnologie (CIO)

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