Theodor-Heuss-Gedächtnisvorlesung: Über Russland und Deutschland

Die russische Historikerin und Bürgerrechtlerin Dr. Irina Scherbakowa beschäftigte sich mit dem Thema „Russlands Geschichte – Russlands Gegenwart: Zeitgeschichtliche Diagnosen“.

Sie hat Tradition, die Theodor-Heuss-Gedächtnisvorlesung. Immer am 12. Dezember – dem Todestag des ersten Bundespräsidenten Heuss – laden die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus und die Universität Stuttgart dazu ein. In diesem Jahr sprach die russische Historikerin Dr. Irina Scherbakowa über das Thema „Russlands Geschichte – Russlands Gegenwart: Zeitgeschichtliche Diagnosen“. Das Interesse an dem, was die eigens aus Moskau angereiste Bürgerrechtlerin über Russland und Deutschland in historischer Perspektive zu erzählen wusste, war groß.

 (c) Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus / Pressefoto Kraufmann & Kraufmann, Stuttgart
Das Interesse an dem diesjährigen Thema der Theodor-Heuss-Gedächtnis-Vorlesung war groß.

Theodor Heuss war Honorarprofessor an der damaligen Technischen Hochschule als Kultusminister am Aufbau der Universität Stuttgart beteiligt und trug deren Ehrendoktortitel, erklärte Rektor Prof. Wolfram Ressel, die enge Verbundenheit zwischen der Universität und dem ersten Bundespräsidenten. Im Hinblick auf das diesjährige Thema des Vortrags betonte Isabel Fezer, Mitglied im Vorstand der Theodor-Heuss-Stiftung und Stuttgarts Bürgermeisterin für Jugend und Bildung: „Es lohnt sich, an der Völkerverständigung zu arbeiten.“

Irina Scherbakowa (c) Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus / Pressefoto Kraufmann & Kraufmann, Stuttgart
Irina Scherbakowa beschäftigt sich seit Ende der 1970er Jahre mit den Opfern des Stalinismus; seit 1991 forscht sie in den Archiven des KGB. Von 1992 bis 2006 lehrte sie als Dozentin an der Russischen Staat­lichen Universität für Human­wissen­schaften Moskau. Seit 1988 ist sie Mit­glied von „Memorial“, der ersten unab­hängigen zivil­gesellschaft­lichen Bewegung der Sowjet­union, die sich für die historische Auf­klärung und den Schutz der Menschen­rechte in Russland einsetzt.

Zwei Länder – eine besondere Beziehung

Deutschland und Russland – für Irina Scherbakowa sind es zwei Völker mit einer besonderen Beziehung. Schon im Russischen Reich lebten viele Deutsche, die auch durchaus wichtige Positionen innehatten. Dabei scheinen die zugeschriebenen Charaktere grundverschieden – rational vernünftig die Deutschen, die Russen strukturlos und unlogisch, aber mit viel Seele ausgestattet, so Scherbakowa. Der deutsch-russische Mediziner Friedrich Joseph Laurentius Haass – der „heilige Doktor von Moskau“ genannt –, verkörperte beide Seiten. Im Zarenreich humanisierte er Anfang des 19. Jahrhunderts mit Wärme und Gelassenheit den Strafvollzug. Russische Romantiker zog es in den 1920er-Jahren nach Deutschland. Schiller war Kultautor in Russland, auch Heine, Rilke, Remarque, Goethe und Böll wurden gelesen, erklärte die Historikerin.

Im Ersten Weltkrieg wurden die beiden Länder zu Feinden. Nach der Oktoberrevolution 1917 emigrierten viele Russen nach Deutschland. Während des Zweiten Weltkrieges kam es zum „Großen Vaterländischen Krieg“ zwischen Deutschland und Russland und ab 1941 zur Zwangsumsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung vor allem nach Sibirien, Kasachstan und an den Ural.

Vier Jahre nach dem Krieg wurde Irina Scherbakowa in ein politisch sehr engagiertes Elternhaus hineingeboren. „Mein Vater war Kriegsinvalide, aber er las deutsche Autoren. Er hatte keinen Hass, er hatte viele Fragen an die politische Macht“, erzählte die Historikerin, die sich als Mitglied der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“ um eine Aufarbeitung der sowjetischen Verbrechen während der Stalin-Ära und in der Zeit danach bemüht.

Als Ende der 1980er-Jahre Michael Gorbatschow mit seinem Programm von „Glasnost“ und „Perestroika“ die Sowjetunion revolutionierte, war das für die Historikerin eine unglaubliche Zeit. Und als Gorbatschow davon sprach, dass Mauern von Menschen erbaut sind, hörte sie auf die Worte hinter den Worten und erkannte: „Menschen können sie also auch wieder einreißen, sie sind nicht für die Ewigkeit“.

Nach der deutschen Wiedervereinigung seien die Stasi-Archive sehr schnell geöffnet worden. „Wir sahen, wie man in Deutschland die Demokratie aufbaute, und bis in die 1990er-Jahre dachte ich, das sei auch unser Weg“, sagte Scherbakowa.

 (c) Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus / Pressefoto Kraufmann & Kraufmann, Stuttgart
Aus Deutschland erfahre sie viel Solidarität, betonte Dr. Irina Scherbakowa.

Solidarität aus Deutschland

Doch mit dem Machtwechsel im Kreml habe sich vieles verändert. Die Vergangenheit werde zunehmend romantisiert, „es wird nur noch der Tag des Sieges erinnert und Stalin zum Symbol für Russland als Imperium“, sorgt sich Irina Scherbakowa. Unter Wladimir Putins Führung würden die vor knapp 30 Jahren geschaffenen Verhältnisse immer mehr revidiert. Im Westen ständen sich „Putinversteher“ und jene, die fordern, gegenüber der Machtpolitik in Russland einen scharfen Kurs zu fahren, gegenüber. Sie ist froh, dass es in Deutschland die Menschen interessiert, was in Russland passiert. Das sei nicht überall so, unterstrich Irina Scherbakowa, aus Deutschland erfahre sie mehr Solidarität als aus jedem anderen Land. Ob etwa hinsichtlich Gedenkstätten oder im Bereich der Wissenschaft, und auch, dass sie an der Universität habe reden dürfen, sei ein Zeichen der Solidarität.

 

Zum Seitenanfang