ERC-Grants beantragen - Kollegen geben Empfehlungen

Was ist zu beachten? Informationen und Tipps.

Seit zehn Jahren fördert der Europäische Forschungsrat (European Research Council: ERC) Exzellenz in der Wissenschaft mit ERC-Grants. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können ihre Ideen einreichen. Vergeben werden verschiedene Grants, zugeschnitten auf unterschiedliche  Karrierestufen. Auch viele Stuttgarter Forschende erhielten die begehrten ERC-Grants, zuletzt Prof. Jörg Wrachtrup, der sogar schon zum zweiten Mal in den Genuss dieser Förderung kommt. 

Wir haben drei Stuttgarter Wissenschaftler gefragt, was der ERC-Grant für sie, ihre Karriere und ihre Forschung bedeutet, was es bei der Antragstellung zu beachten gibt und welche Empfehlungen sie ihren Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg geben möchten.

Für alle drei war es eine sehr lohnende Erfahrung in Bezug auf ihre Karriere und auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Diese erzielten sie gemeinsam mit ihrer Arbeitsgruppe, die durch die finanzielle Förderung um hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vergrößert werden konnte. Die Antragstellung beschreiben die Forscher als vergleichsweise unkompliziert. Ihr Rat an die Kolleginnen und Kollegen in Wissenschaft und Forschung: Haben Sie den Mut, einen Antrag zu schreiben!

Hier lesen Sie nun die Antworten im Einzelnen:

Prof. Oliver Röhrle (c)
Prof. Oliver Röhrle

Prof. Oliver Röhrle

Institut für Mechanik (Bauwesen) und Exzellenzcluster Simulation Technology, erhielt 2012 den Starting Grant (Laufzeit: 2012 bis 2017).

Einen ERC Grant zu erhalten, war für mich sicherlich der Karriereboost schlechthin. Nach dem Gewinn des ERC-Starting Grants wurde meine Tenure-Track Juniorprofessur vom Rektorat vorzeitig in eine W3 Stelle überführt. Das Label „ERC“ und die Qualität der vom ERC finanzierten Forschung ist nach 10 Jahren eine echte Marke geworden. Diese Marke kennen selbst Forscher in Australien, Neuseeland oder den USA. Man erhält dadurch also auch viel internationale Anerkennung.

Der Grant gab mir die Möglichkeit, ein Thema aus mehreren Blickwinkeln gleichzeitig zu beleuchten und zu erforschen. Mit der Aussicht auf ein Projekt mit ausgezeichneter Finanzierung und fünf Jahren Laufzeit konnte ich mein Forschungsprojekt sehr viel tiefer und breiter bearbeiten. Bis zum Erhalt des ERC-Grants fokussierte sich meine Forschung hauptsächlich auf die Entwicklung neuer Simulationsmodelle. Der Grant ermöglichte mir, eine experimentelle Forschungsrichtung zur Validierung und Erhebung von Daten in meiner Arbeitsgruppe zu etablieren. Das wäre sonst wahrscheinlich nicht oder nur mit großer Verzögerung möglich gewesen und trägt nun Früchte. Ohne die durch den ERC-Grant gegebene Möglichkeit, auch ausgezeichnete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler außerhalb meiner Kernkompetenz einzustellen, hätte ich wahrscheinlich auch keinen ERC Proof-of-Concept Grant gewonnen.

Sicherlich konnten wir nicht alles, was ich mir vor fünf Jahren ausgedacht habe, umsetzen. Dazu war das Projekt vielleicht auch zu ambitioniert. Doch wir haben uns neue Forschungsergebnisse mit Methoden erarbeitet, die vor fünf Jahren so noch nicht absehbar waren. Wir haben ein personenspezifisches Finite-Element-Model eines Oberschenkelamputierten erstellt und damit erste Simulationen durchgeführt. Als erste Gruppe weltweit ist es uns gelungen, einen vorwärts-dynamische Ansatz für muskuloskelettale Systeme mit 3D Skelettmuskelmodellen zu entwickeln, und erforschen momentan zusammen mit einem Stuttgarter Kollegen neue Modellreduktionsmethoden zur signifikanten Verringerung der Rechendauer. Darüber hinaus haben wir neue Konzepte für die ultraschall-basierte Positionsmessung des Oberschenkelknochens in einem Oberschenkelstumpf angefertigt. Aus Problemen bei der Umsetzung einer der ursprünglichen Ideen, haben wir ein Konzept für neuartige elektromyographische Sensoren erarbeitet. Mit Hilfe des ERC Proof-of-Concept Grant haben wir jetzt die Möglichkeit, dieses Konzept zu einem Prototyp weiterzuentwickeln und uns einen professionellen Businessplan zur Vermarktung erstellen zu lassen.

Wenn man einmal eine innovative high-risk-high-gain Idee hat, ist die Antragstellung eigentlich relativ einfach, da der Antrag nicht sehr umfangreich ist. Die Antragsstellung lohnt sich meiner Meinung nach immer, auch wenn man nicht erfolgreich sein sollte. Durch das Schreiben des Antrags wird man gezwungen sich intensive Gedanken über größere Forschungslücken im eigenen Arbeitsgebiet und über neue Ideen, die man schon immer gerne umsetzen würde, zu machen. Das Resultat ist ein visionärer 5+ Jahres-Plan für die eigene Forschung!

Sich frühzeitig ein interessantes Thema überlegen (der nächste Call kommt ganz bestimmt), sich frühzeitig mit dem EU-Büro der Universität und dem nationalen Kontaktpunkt in Verbindung setzen, sich mit Kollegen, die bereits einen ERC gewonnen haben, austauschen, die Idee aufschreiben und dann am Gesamtkonzept bis zur Deadline feilen.

ERC Starting Grant
für Nachwuchswissen­schaftler und -wissen­schaft­lerinnen (2 bis 7 Jahre nach Promotion) mit bis zu 1,5 Mio. Euro über maximal fünf Jahre.

 

Prof. Johannes Kästner

Institut für Theoretische Chemie, erhielt 2015 den Consolidator Grant (Laufzeit 2015 bis 2020).

Prof. Johannes Kästner (c)
Prof. Johannes Kästner

In erster Linie hat er meine Gruppe vergrößert und verstärkt. Das Bewerberfeld wurde besser (offenbar sind Gruppen mit ERC-Grant für potentielle PostDocs interessanter) und aufgrund der relativ langfristigen Finanzierung bin ich in der Lage, flexibler zu rekrutieren. Zwei meiner Mitarbeiter, die ursprünglich aus dem ERC-Grant bezahlt wurden, warben inzwischen eigene Stipendien ein, was wiederum meine finanziellen Spielräume erweitert. Durch die Vergrößerung meiner Gruppe aufgrund der ERC-Finanzierung hat sich natürlich unsere wissenschaftliche Produktivität erhöht. Darüber hinaus vermute ich, dass mein Standing in der Community durch den Grant gestiegen ist.

Ich stieg in ein für mich neues und spannendes Forschungsgebiet ein, die Astrochemie. Darin hatte ich vorher kaum Erfahrung, aber es war klar, dass unsere Methoden dort spannende Fragen beantworten können. Um relevante Fragestellungen zu identifizieren, stellte ich zwei Postdocs mit Erfahrung in Astrochemie ein. Ich lerne von ihnen Astrochemie, sie von mir Methoden zur Berechnung des Tunneleffekts.

Wir konnten zeigen, dass Reaktionen wie H2 + OH -> H2O + H im interstellaren Raum eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Wasser spielt, auch bei sehr tiefen Temperaturen wie 10 Kelvin ( -263 °C). Auf der anderen Seite fanden wir heraus, dass manche Reaktionen vermutlich keine Rolle spielen, weil sie trotz des Tunneleffekts zu langsam ablaufen. Außerdem schafften wir es, dank der exzellenten neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Theorie, die wir zur Beschreibung des Tunneleffekts verwenden (Instantontheorie), von temperaturabhängigen Situationen auf energieabhängige zu erweitern. Das klingt vielleicht einfach, daran hatten sich aber andere Gruppen (und wir auch) lange die Zähne ausgebissen.

Als Aufwand pro Nutzen gesehen ist die Antragstellung weniger kompliziert als ein normaler DFG-Antrag. Zunächst überlegte ich, welche der Gebiete, in denen ich Expertise hatte, sich am besten für ein so großes Projekt eignen. Dann fragte ich möglichst viele Kolleginnen und Kollegen, die schon Erfahrung mit ERC-Anträgen hatten, nach Tipps. Nachdem das erste Konzept klar war, reservierte ich mir für rund zwei Monate an jedem Vormittag 2 bis 3 Stunden für Planung und Ausarbeitung des Antrags. Die wichtigsten Textabschnitte und die Kurzfassung (Abstract) formulierte ich mehrfach und verwendete dann die beste Variante. Dabei wurde auch das Forschungsprogramm immer wieder angepasst. Das für Starting und Consolidator Grants vorgesehene Interview macht den ganzen Prozess natürlich aufwändiger. Auch auf diese Präsentation bereitete ich mich mit viel Aufwand und Probevorträgen vor.

Dabei waren die Hilfe des EU-Büros der Uni Stuttgart und auch der Trainingskurs der nationalen Kontaktstelle sehr hilfreich. Das Interview in Brüssel lief dann gut und in freundlicherer Atmosphäre als ich das von Kollegen gehört hatte.

  1. Traut Euch, einen Antrag zu schreiben!
  2. Nehmt die Vorbereitung ernst und investiert Zeit in die Erstellung des Antrags.
  3. Der Abstrakt ist das wichtigste. Der muss auch Fachfremde davon überzeugen, dass diese Forschung unbedingt gemacht werden muss.
  4. Plant es zeitlich so, dass Ihr ggf. bei Ablehnung nochmal einen verbesserten Antrag in der gleichen Kategorie (Starting/Consolidator) stellen könnt.

Consolidator Grant für Nach­wuchs­wissenschaft­ler und -wissen­schaft­lerinnen, deren Arbeits­gruppe sich in der Kon­soli­dierungs­phase befindet (7 bis 12 Jahre nach Pro­motion) mit bis zu 2 Mio. Euro über maximal fünf Jahre.

   

Prof. Jörg Wrachtrup (c) David Ausserhofer
Prof. Jörg Wrachtrup

 

Prof. Jörg Wrachtrup

Leiter des 3. Physikalischen Instituts erhielt 2011 und 2017 jeweils den Advanced Grant (Laufzeit 2011 bis 2016 und 2017 bis 2022).

Im Rahmen der Antragsprüfung findet eine sehr ausführliche und fundierte Begutachtung statt. Man bekommt auch eine Rückmeldung, das heißt Kommentare von Gutachtern. Ich freue mich darüber, dass es mir gelungen ist, die Kolleginnen und Kollegen zu überzeugen, dass unser Vorhaben eine gute Idee ist.

Bei unserer Forschungstätigkeit hilft das Fördergeld natürlich enorm weiter. Wir haben dadurch eine experimentelle Ausstattung erhalten und konnten damit „am Ball“ bleiben. Gerade in einer Zeit, in der sich ein Forschungsgebiet rasch entwickelt, ist das sehr wichtig. Wir konnten so den Entwicklungen nachgehen und hatten die Mittel, um unsere Ideen vergleichsweise frei umzusetzen. Bei der Förderung handelt es sich weniger um Projektmittel, sondern das Geld kann relativ frei verwendet werden. Dies ist bei Grundlagenforschung über einen so langen Zeitraum wichtig, weil man anfangs nicht immer absehen kann, wohin sich die Forschung weiterentwickelt.

Schon seit einiger Zeit ist bekannt, dass Quantensensoren neue Empfindlichkeitsrekorde aufstellen. Bisher war dies jedoch nur unter sehr speziellen Bedingungen möglich, zum Beispiel im Ultrahochvakuum und bei sehr tiefen Temperaturen. Als ein Ergebnis des ERC Grants aus dem Jahr 2011, der die Nutzung atomarer Defekte in Diamanten für die Quantentechnologie zum Inhalt hatte, ist es meinem Team und mir gelungen, diese Methoden auch unter Umgebungsbedingungen anzuwenden. Damit wurde eine Vielzahl von Anwendungsgebieten vor allem in der Materialwissenschaft und biomedizinischen Diagnostik erschlossen. Einige dieser Erkenntnisse werden im Rahmen des neuen ERC-Grants nun weitergeführt und vertieft. Mit dem Grant möchte ich zeigen, wie man mit Hilfe von Quantensensoren elektrische Felder mit bisher unerreichter Empfindlichkeit und räumlicher Auflösung und damit zum Beispiel einzelne elektrische Ladungen verfolgen kann. Wir wollen zwei Anwendungsrichtungen verfolgen. Einerseits werden wir chemische beziehungsweise biochemische Reaktionen auf der Nanometerskala, auch in sehr komplexen Umgebungen, wie zum Beispiel in Zellen untersuchen. Damit wollen wir unter anderem verstehen, wie Nervenzellen zum Beispiel im Gehirn zusammenarbeiten. Andererseits werden wir Präzisionsmessungen zur Wechselwirkung elektrischer Ladungen durchführen und uns auf die Suche nach ‚neuen Wechselwirkungen‘ machen, die zum Beispiel für die Erklärung der dunklen Materie im Universum verantwortlich sein könnten.

Insgesamt ist die Antragsstellung relativ knapp, unkompliziert und wissenschaftsorientiert. Man erstellt einen Plan darüber, was man machen will. Es geht darum, seine Idee vorzustellen und so gut zu schildern, dass sie anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern plausibel erscheint. Es ist nicht so viel Textarbeit und man schärft dabei seine eigene Idee. Der Aufwand für einen Antrag um einen ERC-Grant ist vergleichbar mit dem für DFG-Anträge.

Auch für einen ergänzenden ERC Proof-of-Concept Grant muss man keinen langen Antrag stellen. Diese Sondermittel dienen dazu, dass eine Idee der Grundlagenforschung auf ein Verfahren angewendet werden kann.

Ich möchte meine Kolleginnen und Kollegen ermuntern, einen Antrag zu stellen. Es ist eine gute Gelegenheit eigene Ideen, gerade auch wenn sie risikoreich oder unkonventionell sind, zu verfolgen, wenn man denkt, dass man dies aus seiner Person und der vorangegangenen Arbeit heraus leisten kann. Fünf Jahre bedeuten für die Grundlagenforschung eine „kleine Ewigkeit“ man sollte den Mut haben, einen Antrag zu erstellen, um damit einen „großen Wurf“ anzustreben.  

Advanced Investigator Grant für erfahrene exzellente For­schende mit bis zu 2,5 Mio. Euro über maximal fünf Jahre. Er zählt zu den re­nommier­testen For­schungs­preisen welt­weit.

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