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Kollektive Dynamiken im Netz – Einfluss von Algorithmen

Ein Gespräch mit dem Sozialwissenschaftler Dr. Jan-Felix Schrape über soziale Bewegungen und Gemeinschaften im Internet, den Einfluss von Algorithmen und die Interessen von Internetkonzernen.

Massenphänomene, Gemeinschaften und Bewegungen im Internet

Über den ‚Arabischen Frühling‘ 2010/11 wurde zunächst behauptet, er wäre ohne die sozialen Medien kaum möglich gewesen. Diese These war Anlass zu vertieften Forschungen in den Sozialwissenschaften darüber, wie soziale Bewegungen und Interessengemeinschaften im Internet agieren, wie Massenphänomene entstehen und ob sich daraus nachhaltige politische Prozesse entwickeln können.

Dr. Jan-Felix Schrape forscht als wissen­schaftlicher Mit­arbeiter in der Ab­teilung für Orga­nisations- und Inno­vations­sozio­logie am Institut für Sozial­wissenschaften der Uni­versität Stuttgart ge­mein­sam mit dem Leiter der Ab­teilung Prof. Dr. Ulrich Dolata.

Spontane Wellen, die rasch zusammenfallen
Zwei Arten beschreibt Dr. Jan-Felix Schrape bei der Entstehung von Massenphänomenen im Internet: „Es gibt kollektive Phänomene, die spontan auftreten und nicht bewusst koordiniert werden.“ Dazu zählen sogenannte Shitstorms oder Wellen der Zustimmung und Anteilnahme um Hashtags. Ihren Ursprung haben diese sich meist rasend schnell entwickelnden Dynamiken beispielweise in dem Aufgreifen von Twitterbeiträgen bekannter Persönlichkeiten, Meldungen von Konsumgüterherstellern, Geschehnissen wie Todesfällen und Katastrophen oder auch ganz einfach Verspätungen der Bahn. Es entsteht eine große Welle, die allerdings zumeist rasch wieder in sich zusammenfällt. Trotzdem kann sie durchaus zu Reaktionen außerhalb der digitalen Welt führen. Hersteller ändern etwa ihre Marketingstrategie oder passen ihre Produkte an.   

Koordinierte Interessengemeinschaften und Bewegungen
Neben diesen spontanen Massenphänomenen gibt es längerfristig aktive Interessengemeinschaften und soziale Bewegungen, die durch organisierte Kerngruppen initiiert und koordiniert werden. „Gemeinsam ist der schnelle, ortsunabhängige, oft globale Austausch und die gleichzeitige Ansprache von sehr vielen Menschen. Dies war früher so nicht möglich“, erklärt der 38-Jährige.  

Diese sogenannten „kollektiven Akteure“ werden von den Sozialwissenschaftlern noch weiter unterteilt. Es gibt eher klassische politische Bewegungen wie zuletzt die Proteste gegen die TTIP- und CETA-Handelsabkommen, die sozialen Medien als wichtiges Werkzeug für die Mobilisierung nutzen. Daneben haben sich Gemeinschaften und Bewegungen entwickelt, die so erst mit den technischen Infrastrukturen des Internets entstehen konnten. Dazu zählen Open-Source-Gemeinschaften wie Linux oder Projektgemeinschaften wie Wikipedia, das Hacker-Kollektiv Anonymous oder auch das internetbasierte Beteiligungsforum Campact.

Nach Untersuchungen der Stuttgarter Sozialwissenschaftler Prof. Ulrich Dolata und Dr. Jan-Felix Schrape haben insbesondere politische Kampagnen allerdings oft nur dann Erfolg, wenn sie von „echten“ Demonstrationen auf der Straße oder anderen Maßnahmen begleitet werden. Die Infrastrukturen des Internets erleichtern den Austausch, die Koordination und die Außenkommunikation, sie ersetzen aber nicht die oft langwierigen sozialen Prozesse, die Bewegungen oder Gemeinschaften stabilisieren. „Die Möglichkeiten des Internets sind vergleichbar mit Strukturen im Städtebau: große Plätze ermöglichen große Versammlungen. Wie diese aber genutzt werden, was daraus entsteht, ist damit noch nicht vorgegeben“, so Schrape.

Die beiden Sozialwissenschaftler untersuchen zum Beispiel, wie aus spontanen Massenphänomenen auf Twitter oder Facebook in einigen Fällen verfestigte Protestbewegungen wie Occupy oder Pegida entstehen. Dafür führen sie neben der Auswertung der Kommunikationsdynamiken im Netz und Dokumentenanalysen auch Interviews mit Schlüsselakteuren aus den jeweiligen Feldern durch.

Einfluss von Algorithmen

Was in das Sichtfeld der Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien gerät, hängt stark von Algorithmen ab. Insgesamt sind es oft extreme und aufmerksamkeitsbindende Ereignisse wie Katastrophen oder Skandale. Dies kann dazu führen, dass sich die Wahrnehmung der Nutzer verändert und die Nervosität in der Bevölkerung steigt.

Filterblasen entstehen
Algorithmen sind dafür verantwortlich, dass dem Nutzer vorwiegend das geboten wird, was auf ihn abgestimmt ist. Jeder kennt das: Hat man sich einmal über Ferienwohnungen auf Sizilien informiert, werden einem danach vermehrt Anzeigen dazu angezeigt. Dadurch können auf Plattformen wie Facebook Filterblasen entstehen, in der die Nutzerinnen und Nutzer praktisch nur noch von dem umgeben sind, was für sie gefiltert wurde. Was sie nicht ihren Interessen und Meinungen entspricht, nehmen sie kaum noch wahr. „Das kann vor allem im politischen Bereich gefährlich werden“, sagt Schrape, da so in sich geschlossene „Gegenöffentlichkeiten“ entstehen können, wie es im Kontext der Flüchtlingskrise zuletzt der Fall war.

Welche Stellschrauben zu welchen Inhalten führen, ist nicht transparent
Es gibt viele Daten von jedem Nutzer, auf die die Plattformanbieter zugreifen können. „Wie die Algorithmen unsere Daten verwerten und wie sie funktionieren, ist schwer zu untersuchen“, so Schrape. „Welche Stellschrauben zur Anzeige welcher Inhalte führen, ist für Nutzer und Nutzerinnen nicht transparent. Die Algorithmen bleiben ein gut gehütetes Unternehmensgeheimnis.“ Der Einfluss der Algorithmen werde künftig noch stärker werden, sagt Schrape voraus: „Durch das Internet der Dinge wird es noch mehr auswertbare Daten über uns und unsere Interaktionen geben.“

Interessen und Einfluss von Internetkonzernen

Die sozialen Medien im Internet sind keine rechtsfreien Räume, doch dadurch, dass sie ortsungebunden und global über Staatengrenzen hinweg betrieben werden, bleibt es schwierig, sie von staatlicher Seite aus zu regulieren.

Die Kommunikationsräume der sozialen Medien werden vor allem durch das „Hausrecht“ der jeweiligen Anbieter bestimmt auf das sich die Nutzerinnen und Nutzer ähnlich wie in Shopping-Malls einzulassen haben, wenn die sich dort bewegen wollen. Daneben bestimmen technische Spezifikationen wie etwa das Zeichen-Limit auf Twitter stark mit, was auf der Plattform möglich ist und was nicht. Aber auch das inhaltliche Spektrum werde nach hauseigenen Kriterien beschnitten, die nicht immer einsehbar sind, so Schrape. „Gerade jetzt in Wahlzeiten fühlen sich einige Personen und Parteien zu Unrecht von Facebook und Co. zensiert.“

Nur eine Handvoll Konzerne entscheiden über Regeln
 „Man muss sich klar machen, dass diese Regeln von privatwirtschaftlichen Unternehmen aufgestellt werden und von ökonomischen Interessen geleitet sind. Von öffentlicher Seite gibt es bislang nur eine rudimentäre Regulierung“, so der Sozialwissenschaftler. Bedenklich findet er vor allem, dass es weltweit nur eine Handvoll Unternehmen sind, die heute die zentralen Kommunikationsplattformen im Internet betreiben und eine entsprechend große Einflusskraft besitzen.

Brauchen wir mehr nationale und globale Regularien? Wird es überhaupt möglich sein, diese umzusetzen? Diese Fragen seien nicht leicht zu beantworten und die Meinungen von Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern dazu gehen auseinander, erklärt Schrape.

Besondere Bedeutung misst er in diesem Zusammenhang der Medienkompetenz bei: „Schülerinnen und Schüler sollten nicht nur lernen, wie ein Computer funktioniert. Sie sollten sich auch mit den Funktionsweisen der Plattformen, den beteiligten Unternehmen und den Aufmerksamkeitsdynamiken im Netz auseinandersetzen, um besser zu verstehen, warum ihnen bestimmte Meldungen angezeigt werden, welche Daten sie wann freigeben und welche Zusammenhänge dahinter stecken.“

Zusammenarbeit von Sozialwissenschaftlern und Softwareingenieuren
Wichtig sei zudem eine engere Zusammenarbeit von Sozialwissenschaftlern und Softwareingenieuren, meint Schrape. „Viele Sozialwissenschaftler wissen nicht, wie Algorithmen konkret entwickelt werden“. Umgekehrt gebe es von Seiten vieler Softwareingenieure Unverständnis darüber, wie Sozialwissenschaftler arbeiten.

Da trifft es sich gut, dass ein Team um die Stuttgarter Sozialwissenschaftler im Rahmen eines Projektverbundes der Hans-Böckler-Stiftung ab Herbst mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ganz unterschiedlicher Disziplinen zusammenarbeitet. Insgesamt beschäftigen sich 15 Vorhaben mit den Auswirkungen digitaler Technologien auf die Gesellschaft und die Arbeitswelt, darunter auch das Stuttgarter Projekt „Digitale Projektgemeinschaften als Innovationsinkubatoren“.

Dr.

Jan-Felix Schrape

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Organisations- und Innovationssoziologie am Institut für Sozialwissenschaften