Ausstellung in der Weissenhofwerkstatt

Raus aus dem Schattendasein – Studierende entwerfen Modelle der Bauausstellung Stuttgart 1924

Die Bauausstellung auf dem Weißenhof von 1927 ist berühmt. Jene von 1924 eher in Vergessenheit geraten. Dabei war sie zu ihrer Zeit durchaus erfolgreich, fand das Interesse des Baugewerbes und der Zuschauer – 150.000 Besucher in drei Monaten sollen es gewesen sein. Das kann sich sehen lassen. Studierende der Fakultät Architektur und Stadtplanung der Universität Stuttgart haben sich unter der Leitung von Prof. Klaus Jan Philipp vom Institut für Architekturgeschichte im Wintersemester 2017/18 mit der Bauausstellung Stuttgart 1924 beschäftigt. Herausgekommen ist eine kleine, aber feine Ausstellung.

Plakat der Bauausstellung Stuttgart 1924. (c)
Katalog der Bauausstellung Stuttgart 1924.

Modell des Messeturms und der umgebenden Gebäude. (c)
Modell des Messeturms und der umgebenden Gebäude.

Modell vom Ausstellungsgelände auf dem Grundstück des alten Bahnhofs

Wer die Weißenhofwerkstatt im Haus Mies van der Rohe aufsucht, kann anhand von Modellen, Archivmaterial, Fotografien und Zeichnungen in die Bauausstellung von einst eintauchen, die auf dem Grundstück des alten Bahnhofs in Stuttgart stattfand und erstmals seit Ende des Ersten Weltkriegs einen Überblick über den Baumarkt bot. Die aufwendige Recherche der Studierenden in Archiven und Bibliotheken hat sich gelohnt: Im Modell erstrecken sich die zwölf Hallen auf dem Ausstellungsgelände entlang des alten Gleisbetts und schließen fünf Freigelände sowie sieben Wohnhäuser ein. Abbildungen zeigen bunte verspielte Pavillons, die wohl im Freigelände standen, und auf alten Fotografien ist der 36 Meter hohe Turmkran auf dem Messegelände auszumachen – damals eine Innovation, sowie der Messeturm, der die Besucher empfing.

Das Fertighaus von einst

Wie einfaches, schnelles und günstiges Bauen im Bereich der Wohnhäuser 1924 gedacht war, zeigen die Beschreibungen, Grundrisse und Abbildungen der damals temporär speziell für diese Ausstellung errichteten Häuser. Da wird mit Gipsdielen gebaut oder einzelligen Hohlbausteinen, die außen aus Kiesbeton, innen aus Schlackenbeton bestehen – das Fertighaus von einst. Die Farbigkeit der Wohnhäuser muss durchaus beeindruckend gewesen sein. So hob die damalige Kritik zwar die „Einheitlichkeit und Sachlichkeit“ der Ausstellung hervor, wie die Studierenden herausgefunden haben. Doch es gab durchaus auch Beanstandungen hinsichtlich der an vielen Stellen herrschenden „ungeordneten Vielfarbigkeit“. In Rot und Blau präsentierte sich beispielsweise die Bierhalle, in der die Ausstellungseröffnung am 15. Juni 1924 stattfand.

Das Modell der Bierhalle mit einer Dachkonstruktion, die sich aus vielen Holzlamellen zusammensetzt. (c)
Das Modell der Bierhalle mit einer Dachkonstruktion, die sich aus vielen Holzlamellen zusammensetzt.

Erstaunliche Dachkonstruktion

Wer das Modell sieht, muss sich die Farben denken, wird aber vorallem staunen über die Dachkonstruktion. Diese setzt sich aus vielen Holzlamellen zusammen, die eine Art Holzgewölbe bilden. Die sogenannte Zollinger-Bauweise – benannt nach ihrem Erfinder – geht mit wenig Holzverbrauch und einer einfachen Montage einher. „Ich hatte noch nie davon gehört“, sagt David Frei, einer der sechs Studierenden. Frei fand es auch spannend, im Verlauf der Arbeit die expressionistische Architektur kennenzulernen. So erfuhr er, dass der Architekt Hugo Keuerleber, der die expressive Ausstellungsarchitektur entworfen hat und hinter dem Farbkonzept der Ausstellung steht, nicht nur an der TH Stuttgart studiert hat, sondern dort auch nach dem Zweiten Weltkrieg ordentlicher Professor war. „Zu unserer sehr gut besuchten Ausstellungseröffnung ist die 1924 geborene Tochter von Hugo Keuerleber gekommen“, freut sich Klaus Jan Philipp. Nicht nur für die Studierenden, auch für ihn brachte das Thema „Bauausstellung Stuttgart 1924“ einige interessante Neuigkeit an den Tag – die Ausstellungsbesucher werden es nachempfinden können.

Bauausstellung Stuttgart 1924
Die Ausstellung in der Weißenhofwerkstatt im Haus Mies Van der Rohe (Am Weißenhof 20) ist noch bis 29. April zu sehen (Sa, So und Feiertage 12:00 bis 17:00 Uhr).

Tipp: Bei der Langen Nacht der Museen, am Samstag, 17. März, ist die Ausstellung von 19:00 bis 2:00 Uhr geöffnet.

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