fs35 "Harpyie"

Studierende präsentieren selbstgebautes Flugzeug

Die Akaflieg Stuttgart hat einen Segelflieger entwickelt. Dank einer besonderen Maßnahme beim Bau, können die Studierenden beim Fliegen künftig viel Geld sparen. Auch für Vereine ist der neue Flieger interessant.
[Foto: Akaflieg Stuttgart]

„Dieses Bild macht mich gerade sprachlos“, sagt Charifan Osso lächelnd und zeigt auf ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen. Die Studierenden stecken gerade die Flügel an den Motorsegler fs35 ‚Harpyie‘. Fertig ist das neue Flugzeug der Studierendengruppe Akaflieg der Universität Stuttgart. Rund 15 Jahre haben Studierende in die Entwicklung investiert. Am 21. März präsentierten sie ihre ‚Harpyie‘ auf dem Campus Vaihingen.

 (c) Künzler

Drastische Gewichtsreduzierung

Das Besondere an dem Flugzeug: Es hat einen vergleichsweise leistungsstarken Motor und kann damit andere Segelflugzeuge schleppen, dennoch fällt es rechtlich unter die Kategorie eines Segelflugzeugs, weil die Studierenden das Gewicht des Flugzeugs durch drastischen Leichtbau auf das eines Segelfliegers reduziert haben. „Konkret heißt das, wir brauchen künftig kein Motorflugzeug, das uns beim Starten schleppt, sondern können unseren Flugzeugschlepper ‚Harpyie‘ verwenden“, erklärt die zweite Vorsitzende der Akaflieg. Ein weiterer Vorteil ist die Kostenersparnis, die diese Flugzeugklasse für die studentischen Piloten bietet. „Der Flugschein für ein herkömmliches Motorflugzeug kostet etwa 10.000 Euro. Der Segelflugschein hingegen lässt sich innerhalb der Akaflieg nahezu kostenfrei erlangen. Für den Flug mit einem Motorsegler wie der ‚Harpyie‘ braucht man zusätzlich zum Segelflugschein noch eine Aufbauschulung, die etwa 1.500 Euro kostet. Auch für viele Segelflugvereine könnte dies eine interessante Lösung sein, meint die Luft- und Raumfahrtstudentin.

Vor dem jetzt fertig zusammengebauten Doppelsitzer versammeln sich inzwischen mehr Mitglieder und Interessierte. Sie diskutieren, laufen um den Flieger herum und freuen sich gemeinsam. „Vor einigen Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich diesen Moment noch als Studentin miterleben darf“, gesteht die 23-Jährige. Akaflieg-Mitglied Janning Quint hingegen war immer überzeugt: „Die fs35 wird fertig, wir schaffen das“, und er behielt recht.

 (c) Künzler

Über 60 Studierende beteiligt

2003 entstand die Idee für den Bau. „Die Akaflieg brauchte ein Schleppflugzeug, das Studierende günstig und sicher in ihren Segelfliegern in die Luft schleppt“, berichtet der 27-jährige Quint. „Wir haben festgestellt, dass es das perfekte Schleppflugzeug nicht gibt. Also wollten wir es selbst bauen.“ Insgesamt haben mehr als 60 Studierende beim Bau geholfen und dabei alles selbst gemacht: von den Berechnungen für die Konstruktion bis hin zur Teilefertigung. „Deshalb hat es auch so lange gedauert“, erklärt Osso. Rückschläge blieben nicht aus. Beim Belastungstest ist ein Flügel schneller gebrochen, als er hätte dürfen. „Da gab es ein kurzes Motivationsloch“, sagt Quint. Dann haben alle zusammengeholfen, die Berechnungen überarbeitet, und letztlich hat der Flügel der geforderten Bruchlast standgehalten.

Harpyie startet zum Erstflug

Bei ihrer Arbeit erhalten die Studierenden viel Unterstützung von Instituten der Universität Stuttgart und Sponsoren aus der Industrie. Zahlreiche studentische Abschlussarbeiten sind während des Projekts entstanden. Die Zusammenarbeit und das Durchhaltevermögen haben sich gelohnt. In den nächsten Wochen soll die „Harpyie“  zum Erstflug starten. Die Akaflieg hat die „Harpyie“ nach einer Greifvogelart benannt, die besonders schwere Beute, wie zum Beispiel eine Ziege, tragen kann. „Unser Motorsegler kann ebenfalls verhältnismäßig schwere Flugzeuge schleppen, da haben wir uns gedacht, der Name passt“, sagt Quint.

Neues Flugzeug mit Fly-by-Wire-Steuerung

Die Akaflieg arbeitet bereits an einem neuen Flugzeug, der fs36 FlybyWire. Es soll das weltweit erste Segelflugzeug mit einer Fly-by-Wire-Steuerung sein. Dabei handelt es sich im Gegensatz zur herkömmlichen mechanischen Steuerung um eine elektronische, computerunterstützte Flugzeugsteuerung, wie es auch bei den Airlinern üblich ist. Die neue Technologie soll das Segelfliegen sicherer und leistungseffizienter machen.

Technische Details:

Spannweite 17,8 m
Flügelfläche 16,9 qm
max. Fluggewicht: 850 kg
Motorisierung:  155 PS Continental Diesel
Höchstgeschwindigkeit: 280 km/h
max. Schleppleistung mit
einsitzigem Segelflugzeug:
4,7 m/s

Akaflieg Stuttgart

Die Gruppe Akaflieg Stuttgart gibt es seit mehr als 90 Jahren. Dort entwickeln, bauen und fliegen die Studierenden Motor- und Segelflugzeuge. Neben dem Studium kann zum einen das theoretisch Gelernte in die Praxis umgesetzt werden, zum anderen kann dem Hobby des Fliegens nachgegangen werden. Mitmachen können alle Studierende, die Interesse am Fliegen haben und neben dem Studium ehrenamtlich an den Flugzeugen mitarbeiten möchten. „Die meisten von uns studieren zwar eine Ingenieurswissenschaft, aber bei uns sind alle Studiengänge willkommen“, so Charifan Osso.
Wer Interesse an der Akaflieg hat, kann sich per Mail melden.

Akaflieg

Zum Seitenanfang