Die Geschwister Mehran und Maryam aus dem Iran interessieren sich für ein Studium.

Individuelle Wegweiser fürs Studium

Erfolgreiche Messe für studieninteressierte Geflüchtete
[Foto: Roeder]

Mit der Resonanz auf die Info-Messe für studieninteressierte Geflüchtete ist Nina Jürgens „sehr zufrieden“. Jürgens leitet den ‚Welcome Campus‘ an der Universität Stuttgart am Dezernat Internationales. Mehr als 200 Flüchtlinge kamen diesmal in die Keplerstraße 17, um Fragen rund um ihr studentisches Weiterkommen zu stellen.

Geändertes Format der Info-Messe

Die vierte Messe dieser Art, seitdem die Universität im Jahr 2015 umgehend auf die große Welle der Flüchtlinge reagierte, verlief anders als in den drei Jahren zuvor. „Wir haben das Format geändert – weg von vielen Vorträgen, weil wir festgestellt haben, dass der Informationsfluss besser funktioniert, wenn man jeweils persönlich mit einer Person spricht“, begründet Jürgens die Entscheidung. „Hinzu kommt, dass die Geflüchteten unterdessen schon deutlich besser informiert sind und wissen, was sie fragen wollen.“ Zudem seien die Fälle oft so unterschiedlich, dass es besser sei, im Gespräch eine individuelle Lösung zu finden oder die Interessenten zumindest in die richtige Richtung zu lenken, weiß die Koordinatorin aus Erfahrung.

Nina Jürgens (links),  Koordinatorin der Messe mit Rainer Laue, Leiter der Zentralen Studienberatung (c) Roeder
Nina Jürgens (links), Koordinatorin der Messe mit Rainer Laue, Leiter der Zentralen Studienberatung

Und tatsächlich war das Foyer vor den Tiefenhörsälen durchgehend erfüllt von großem Stimmengewirr und angeregten Gesprächen an den jeweiligen Informationstischen. Den „Geflüchteten auf dem Weg ins Studium“ standen außer der Universität Stuttgart Vertreter von MINT-Kolleg, Hochschule für Technik, Universität Hohenheim, PH Ludwigsburg, Stadtbibliothek Stuttgart und Studierendenwerk Rede und Antwort und versorgten sie mit passendem Informationsmaterial. Sprachpaten vor Ort sorgten dafür, dass Sprachbarrieren gar nicht erst aufkamen. Die Studienbotschafter des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Kultur gaben Orientierung zu Studienmöglichkeiten über die regionalen Stuttgarter Grenzen hinaus.

Deutschkenntnisse als Herausforderung

Deutsche Sprachkenntnisse bleiben der Knackpunkt für den Zugang zu einem Studium. Jürgens, die seit ihrer Gründung vor zweieinhalb Jahren die Beratungsstelle für Geflüchtete an der Universität Stuttgart mit Inhalt füllt, beobachtet, dass die meisten Geflüchteten genügend Deutsch für den Alltag beherrschen. Das aber reicht nicht, um ein Studium bestreiten zu können. „Es gibt sehr unterschiedliche Sprachtests. Für uns der wichtigste ist der sogenannte Test DaF 4x4". 

Viele Geflüchtete erhalten Deutschunterricht vom Jobcenter, allerdings auf Level B2. Wie aber kommen sie auf das Niveau C1? Die Kosten für einen solchen Sprachkurs betragen rund tausend Euro. „Wir haben dafür ein Stipendienprogramm als Sprungbrett“, berichtet Jürgens. Im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist die Förderung von Geflüchteten an Hochschulen ein Punkt, der weiterhin vorangetrieben werden soll. Es wird also weiterhin Programme geben, nur wie genau diese umgesetzt werden sollen, ist noch völlig offen. 

Ausbau der Angebote

Hat sich innerhalb der vier Jahre, in denen die Info-Messe stattfindet, die Fragestellung wesentlich geändert? Jürgens antwortet mit einem klaren „jein“. Sprache bleibe weiterhin ein großes Thema. Allerdings gelte es, sich mehr mit der auch für deutsche Studierende sehr sensiblen Studieneingangsphase zu befassen. „Bisher haben wir uns intensiv mit Sprachkursen beschäftigt. Jetzt ist die Fragestellung: Ok, die Leute sind da, welche Angebote können wir für sie entweder ausbauen, oder welche müssen wir gar neu schaffen.“Es ist mit einem deutlichen Anstieg von Geflüchteten im kommenden Wintersemester zu rechnen, denn der Deutscherwerb hat meist länger gedauert.

 

Naztar erkundigt sich auf der Messe für ihre jüngere Schwester, die ein Studienkolleg absolviert hat und gerne in Stuttgart studieren möchte, aber kein Abitur hat.  (c) Roeder
Naztar erkundigt sich auf der Messe für ihre jüngere Schwester, die ein Studienkolleg absolviert hat und gerne in Stuttgart studieren möchte, aber kein Abitur hat.

Studienwillig und dankbar für Hilfestellungen

Naztar aus Syrien ist seit zweieinhalb Jahren in Stuttgart und spricht fließend Deutsch. Sie erkundigt sich für ihre jüngere Schwester, die ein Studienkolleg absolviert hat und gerne in Stuttgart studieren möchte, aber kein Abitur hat. „Die Menschen haben sehr gut versucht, mir zu helfen und waren sehr freundlich“, sagt sie. Für sich selbst will sie herausfinden, ob ihr Zeugnis hierzulande anerkannt wird. „Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht“, fügt sie nachdenklich hinzu.

Das Geschwisterpaar Mehran und Maryan aus dem Iran ist seit vier Monaten in Deutschland. Das Deutsch, das sie sprechen, ist grammatikalisch fehlerfrei. Mehran hat drei Jahre lang Flugzeugelektronik studiert. „Ich konnte mein Studium aber nicht zu Ende bringen wegen der Flucht“, schildert er leise. Seine ein Jahr jüngere Schwester Maryam hat ebenfalls studiert, aber zusammen mit ihrem Bruder zu flüchten. Auch sie sieht sich mit einer ungewissen Zukunft konfrontiert.

Der rege Zulauf bei der Info-Messe hat einmal mehr gezeigt, dass diese Veranstaltung ein wichtiger Teil der Willkommenskultur für studienwillige Geflüchtete ist. Jürgens zur Motivation für ihre Veranstaltung: „Wir wollten hier am Uni- und Hochschulstandort Stuttgart einfach ein buntes Programm anbieten. Das Netzwerken ist dabei einer der wichtigsten Aspekte – für Studierwillige wie Beratungsstellen gleichermaßen.“ 

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