GNT: Brücke zwischen Fakultäten

Zweitägiges Symposium gibt Einblicke in 50 Jahre Geschichte der Naturwissenschaften und Technik (GNT)

„Einfach wunderbar“ sei es, „so viele ehemalige und derzeitige GNTler in einem Raum zu sehen“, freut sich der Wissenschaftshistoriker Prof. Klaus Hentschel. Er bekleidet den fächerübergreifenden Lehrstuhl seit zwölf Jahren und leitet die Abteilung für Geschichte der Naturwissenschaft und Technik (GNT), die am Historischen Institut angesiedelt ist. Über hundert ehemalige und heutige Studierende des GNT-Studiengangs, darunter einige ehemalige und derzeitige Professoren, nahmen engagiert am zweitägigen Symposium zum 50jährigen Bestehen der Abteilung teil.

Wollen die teils sehr abstrakte Materie von Naturwissenschaften und Technik verständlich und im historischen Kontext vermitteln: Armin Hermann und Klaus Hentschel. (c) Roeder
Wollen die teils sehr abstrakte Materie von Naturwissenschaften und Technik verständlich und im historischen Kontext vermitteln: Armin Hermann und Klaus Hentschel.

Wissenschaft und Anekdoten statt Jubelfeier

Hentschel wollte keine „Jubelfeier“, sondern mit dem Jubiläum teils einzigartige Einblicke in ein halbes Jahrhundert GNT gewähren. Dafür ließen sich Rednerinnen und Redner aus ganz Deutschland und darüber hinaus bis nach Südafrika gewinnen, fast alle ehemals Studierende oder wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts.

Peter Scholz, Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät 9, gratulierte Hentschel sowie dessen Vorgängern und Mitstreitern dazu, das Profil der GNT seit ihrem Bestehen immer wieder nachgeschärft zu haben und durch den Brückenschlag der Geistes- zu den Natur- und Ingenieurwissenschaften nicht nur dem Historischen Institut, sondern der gesamten Fakultät ein eigenes Gepräge verliehen zu haben. „Auf der Grundlage dieses besonderen Fächerprofils ist die Fakultät in den vergangenen zehn Jahren einen Weg gegangen, der zur Einführung des Masterstudiengangs Wissenskulturen und zur Einrichtung der beiden Lehrstühle für Wirkungsgeschichte der Technik und Digital Humanities führte“, so der Dekan.

Armin Hermann erster Professor der GNT

Möglich gemacht habe diesen Weg auch der Stuttgarter Historiker August Nitschke, wie Armin Hermann ausführte. Für Hermann, der als erster Professor die Abteilung GNT bis zum Jahr 2001 und damit nicht weniger als 33 Jahre lang leitete, war es eine Selbstverständlichkeit, auch zu kommen und im voll besetzten Vorlesungssaal mit seinem Grußwort an die Anfänge und die Zielrichtung der GNT zu erinnern. Der Physiker mit der eisernen Maxime, Texte so zu verfassen, „dass man sie gerne liest“, hatte die neu gegründete Professur mit dem Anspruch angetreten, der GNT auch Renommee und Außenwirkung jenseits der Hörsäle zu geben.

Absolventen berichten

Die Stuttgarter GNT war bundesweit der erste wissenschafts- und technikhistorische Lehrstuhl, der in einem Historischen Institut verankert ist. Bekannt ist Hermann nicht zuletzt auch durch seine Kulturenzyklopädie der Technik. Mit Volkshochschul-Vorlesungen und Schulfunksendungen hat Hermann das Fach GNT populär gemacht. Dies unterstrich unter anderem sein ehemaliger Habilitand, der Ingenieur Gerhard Zweckbronner. „Hermann hat mit dem gesprochenen und geschriebenen Wort ein breites Publikum erreicht“, so der heutige Professor am Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim. „Hermann gab mir den Rat, große Philosophen und die Stilkunst von Ludwig Reimer zu lesen“, erinnerte er sich schmunzelnd.

Der ehemalige Student der GNT, Dieter Landenberger, zählte auch zu den Vortragenden. Er ist heute verantwortlich für die internationale Geschichtskommunikation der Volkswagengruppe. (c) Roeder
Der ehemalige Student der GNT, Dieter Landenberger, zählte auch zu den Vortragenden. Er ist heute verantwortlich für die internationale Geschichtskommunikation der Volkswagengruppe.

Auch Dieter Landenberger befolgte die „Lebensberatung“ seines Professors. „Gehen Sie in die Industrie“, hatte der dem Studenten der Fächer Geschichte und GNT an der Universität vorgeschlagen. Prompt landete der – wie sollte es in Stuttgart anders sein – zunächst im Archiv von Daimler, wechselte sodann für zwölf Jahre als Leiter in das Archiv bei Porsche und hat seit letztem Sommer die internationale Geschichtskommunikation der Volkswagen-Gruppe übernommen. 

Passend zu den vielen im Ballungsraum Stuttgart ansässigen Industrieunternehmen beleuchtete der ehemalige Hermann-Student und heutige Technikhistoriker Thomas Schuetz „Licht und Schatten der Unternehmensgeschichte“ – ein kritisches Thema, dessen Möglichkeiten und Grenzen kontrovers diskutiert wurden.

Zähes Ringen um den Wissenschaftstransfer

Ein halbes Jahrhundert Verständigung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften mit eigenem Studiengang GNT: Dass dies kein Selbstläufer ist, das verdeutlichte nicht zuletzt der Vortrag „Der lange Marsch durch die Institutionen: Wissenschaftsgeschichte in den 1950er und 1960er Jahren“ von Beate Ceranski. Die Privatdozentin der GNT verwies auf die Bedeutung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und deren vehementen Einsatz insbesondere für die Geschichte der Technik. Vorsichtig titulierte sie den Physiker Hans Schimank (1888-1979) als „Nestor“ der Wissenschaftsgeschichte in Deutschland. Gleichzeitig betonte sie den langwierigen Prozess, in dem sich über Jahrzehnte die Wege vieler individueller Akteure kreuzten – im gemeinsamen Ansinnen, die Wissenschaftsgeschichte zu institutionalisieren, aber mit sehr verschiedenen Fragestellungen, Stilen und Methoden.

20 Vorträge und angeregte Diskussionen bis zum Schluss. All das wurde noch mit der 300 Seiten umfassenden Festschrift „50 Jahre GNT“ gekrönt. Angesichts der immer größeren Spezialisierung und zunehmenden Geschwindigkeit, mit der die naturwissenschaftlichen und technischen Abteilungen der Universität Stuttgart voranschreiten, wird es dem Institut GNT mit Sicherheit nicht langweilig. Der geglückte Brückenschlag der Geistes- zu den Natur- und Ingenieurwissenschaften ist nachhaltig als „Stuttgarter Weg der vernetzten Disziplinen“ in den Zielsetzungen der Universität Stuttgart verankert.

Prof.

Klaus Hentschel

Leiter der Abteilung Geschichte der Naturwissenschaften und Technik am Historischen Institut

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