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Neuanfang in Deutschland

Der türkische Wissenschaftler Tankut Yalcinöz im Exil als Gastwissenschaftler an der Universität Stuttgart.

Seit einem Jahr ist Prof. Tankut Yalcinöz aus der Türkei als Gastwissenschaftler am Institut für Energieübertragung und Hochspannungstechnik (IHE). Er forscht im Bereich erneuerbare Energien, Planung und Entwicklung von Power Systems, Smart Grids und insbesondere Brennstoffzellen. Gastgebende Professoren sind Prof. Stefan Tenbohlen und Prof. Krzysztof Rudion vom IHE. Yalcinöz erhält im Rahmen der Philipp Schwartz-Initiative ein Stipendium. Dieses Stipendium wird für einen Zeitraum von zwei Jahren an gefährdete Forscherinnen und Forscher vergeben. Zuvor hat Tankut Yalcinöz einige Jahre an der Universität der Stadt Konya in Zentralanatolien geforscht, promovierte in Großbritannien und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter in den USA. Er ist verheiratet und hat vier Kinder: „Ich führte ein ganz ‚normales‘ Leben als Wissenschaftler.“

Furcht vor Entlassungen und Festnahmen

Dann veränderte sich bekanntlich Vieles in der Türkei. Yalcinöz berichtet, das seit 2014 die Situation für viele Forscher in der Türkei sehr schwierig geworden sei. Besonders nach dem Putschversuch im Sommer 2016 wurden über 10.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer Arbeit stark behindert, vom Dienst suspendiert, entlassen oder sogar verhaftet. Auch die akademische Mobilität und Reisefreiheit wurde eingeschränkt. Einige Forscher müssten sich wöchentlich melden, dürften ihren Wohnort nicht verlassen. Die Furcht  vor Entlassungen und Festnahmen ist groß. Ein akademisches Leben ist so kaum möglich, die Existenzgrundlage vieler ist bedroht oder bereits entzogen. Der türkische Forscher beschreibt, wie sich auch der Umgang der Menschen miteinander ändert. Innerhalb der Familien oder mit Freunden und Nachbarn könne man plötzlich nicht mehr über alles sprechen aus Sorge, dass einige Informationen vielleicht an die falschen Personen gelangen könnten.

Stipendium sichert die Existenz

Als der 50-Jährige zu einer der wenigen noch erlaubten Besuche aufbricht, einer Konferenz in die USA, treiben ihn diese Umstände zu der Entscheidung, dort zu bleiben, also nicht mehr zurück in die Heimat zu fliegen. Stattdessen kommt er Ende 2016 nach Deutschland. Im März nimmt er Kontakt zu Prof. Stefan Tenbohlen und Prof. Krzysztof Rudion vom IEH auf, und schon im April beantragt die Universität Stuttgart das Philipp-Schwartz-Stipendium für ihn. Im September 2017 nimmt er seine Tätigkeit als Gastwissenschaftler auf. Auch seine Familie wohnt seit rund einem Jahr in Stuttgart, zunächst einige Monate im Gastdozentenhaus. Inzwischen hat er auch mit Unterstützung der Mitarbeiterinnen des Dezernats Internationales eine Wohnung gefunden. Er lernt seit über acht Monaten deutsch. „Meine Kinder können es allerdings besser als ich“, gibt er lächelnd zu.

Vielfältige Hilfe für den Forscher und seine Familie

Er hat seine Heimat, Freunde und Familie, sein Haus und seine Arbeit zurückgelassen. Nun ist Tankut Yalcinöz sehr froh wieder Zugang zur Scientific Community zu haben und  forschen zu können: „Ohne die Hilfe der Universität Stuttgart wäre das nicht möglich gewesen.“ In seiner Forschung konzentriert er sich darauf, die Schwarmtheorie als Instrument anzuwenden, um Verteilungsprobleme auf dem Energiemarkt zu optimieren, so das Energie und damit Kosten eingespart und Emissionen gesenkt werden können. Im Juni war er auf einer Tagung in Italien und präsentierte dort seine Ergebnisse über ein Brennstoffzellensystem zum Betrieb eines leichten Elektrofahrzeugs.

Der Wissenschaftler aus der Türkei dankt Stefan Tenbohlen und Krzysztof Rudion vom IHE sowie den Kolleginnen und Kollegen vom Institut für ihre Freundschaft und Hilfe. Auch dem Team vom Welcome Center für Gastwissenschaftler ist er sehr dankbar: „Sie haben mich bei der Suche einer Wohnung und beim Lösen einer Vielzahl von Problemen immer sehr freundlich und hilfsbereit unterstützt.“     

Wie soll es weitergehen, was sind seine Pläne? In der Türkei war er als Professor  tätig. Auch in Deutschland oder im Ausland strebt er nun eine Professur an. Auch eine Anstellung in einem Forschungsinstitut oder der Industrie ist für ihn denkbar. Doch auf lange Sicht, ist sein großer Wunsch, wieder in die Türkei zurückkehren zu können.

Verleihung der Stipendiumsurkunde im September 2017 mit Prof. Stefan Tenbohlen, Maja Heidenreich, Prof. Tankut Yalcinöz, Rektor Prof. Wolfram Ressel und  Prof. Krzysztof Rudion (v.l.n.r.). (c)
Verleihung der Stipendiumsurkunde im September 2017 mit Prof. Stefan Tenbohlen, Maja Heidenreich, Prof. Tankut Yalcinöz, Rektor Prof. Wolfram Ressel und Prof. Krzysztof Rudion (v.l.n.r.).

Die Philipp Schwartz-Initiative wurde von der Alexander von Humboldt-Stiftung gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt ins Leben gerufen und ermöglicht Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland die Verleihung von Stipendien für Forschungsaufenthalte an gefährdete Forscherinnen und Forscher. Finanziert wird diese Initiative durch das Auswärtige Amt, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die Andrew W. Mellon Foundation, die Fritz Thyssen Stiftung, die Gerda Henkel Stiftung, die Klaus Tschira Stiftung, die Robert Bosch Stiftung, den Stifterverband sowie die Stiftung Mercator.