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Aborigines erhalten in Romanen eine neue Sichtbarkeit

„Mabo Turn“: Auswirkungen des australischen Urteils zu den Landrechten der Aborigines auf die Literatur Australiens.

Geoff Rodoreda hat sich in seiner Dissertation damit beschäftigt, ob und welche Auswirkungen das australische Urteil zu den Landrechten der Aborigines – das sogenannte Mabo-Urteil – auf die Literatur Australiens hat. Dafür wurde der Australier gleich mit zwei Preisen ausgezeichnet, darunter der international bedeutende Preis der Gesellschaft für angolphone postkoloniale Studien (GAPS). Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Abteilung Englische Literaturen am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Stuttgart wies nach, dass sich die australische Literatur seit dem Urteil in mehrfacher Hinsicht deutlich verändert hat. 

Urteil ändert Selbstverständnis der Bevölkerung

1992 fällte das Oberste Gericht Australiens das Mabo-Urteil. Das Gericht gab der Landrechtsklage von Eddie Koiki Mabo statt und entschied, dass der indigenen Bevölkerung Australiens eine Art Territorialherrschaft (native title) über ihr jeweiliges Gebiet zusteht. Dieses Urteil habe zu einem radikal anderen Verständnis von Landrechten in Australien geführt, erklärt Rodoreda. Mehr als alle anderen Ereignisse in der Geschichte Australiens habe die Mabo-Entscheidung das vorherrschende Verständnis der nicht-indigenen Bevölkerung von Land, Identität, Zugehörigkeit und Geschichte in Frage gestellt. Die Bedeutung des Urteils beschreibt er folgendermaßen: „Vorher war die Pioniergeschichte als Selbstverständnis für Australien sehr prägend. Nun wurde der Bevölkerung mit aller Klarheit deutlich: Es war kein Niemandsland gewesen, das friedlich von Europäern besiedelt worden war. Das Land war schon bewohnt. Es war der ursprünglichen Bevölkerung, den Aborigines, mit Gewalt genommen worden. Die Entscheidung hat zum ersten Mal in der Geschichte Australiens seit 1788 den Aborigines Recht gegeben!“

 (c) Kovalenko

Geoff Rodoreda hat in Sydney Journalismus und Politikwissenschaft studiert und war als Journalist für den öffentlichen Rundfunk in Australien tätig. Nach Stationen in Europa und Afrika kehrte er nach Australien zurück und arbeitete in Darwin, der Hauptstadt des Northern Territory. Seit rund 20 Jahren wohnt der Australier mit seiner Familie in Stuttgart, seine Frau, eine Ethnologin, stammt aus der Region. Er hat hier als Journalist für verschiedene englischsprachige Magazine gearbeitet und auch für deutsche Einrichtungen, wie dem Institut für Auslandsbeziehungen und die Deutsche Welle. Zur Universität Stuttgart entstanden schon früh Kontakte. Zunächst war er hier als Lehrbeauftragter tätig. Inzwischen ist er Lektor in der Abteilung Englische Literaturen am Institut für Literaturwissenschaft. Seine Promotion wurde von Prof. Dr. Renate Brosch, der ehemalige Leiterin der Abteilung, betreut.

Erste grundlegende Studie zu den Auswirkungen in der Literatur 

In seiner 2018 veröffentlichten Dissertation postuliert der Literaturwissenschaftler, dass sich dieses neue Selbstverständnis auch auf die Literatur Australiens ausgewirkt haben müsse. Um dies zu beweisen, untersuchte der 52-Jährige die zeitgenössische australische Erzählliteratur. Insbesondere analysierte er 19 Romane, deren Autoren Aborigines und Nicht-Aborigens sind. Seine Arbeit The Mabo Turn in Australian Fiction ist die erste grundlegende Studie zu diesem Thema.

 

„Ich bin in meiner Arbeit zu der Erkenntnis gekommen, dass sich das neue Verständnis der Landrechte und der Geschichte Australiens in der Erzählliteratur widerspiegelt“, erklärt Geoff Rodoreda. „Gleichzeitig hat auch die Literatur in dieser Zeit großen Einfluss auf das neue Verständnis von Identität und Geschichte.“  Er konnte eine echte Wende (turn) nachweisen. „Das ist geradezu eine kulturelle Bombe, die vieles verändert hat. Es entstand eine Post-Mabo-Literatur“, beschreibt der Australier die Auswirkungen des Urteils.

Von Absenz zu Präsenz

Geoff Rodoreda fand in seiner Studie, dass die Aborigines vor dem Gerichtsentscheid in der Literatur nur geringe Bedeutung erhielten, sie waren kaum vorhanden, Charaktere wurden sehr flach dargestellt. Nach dem Urteil veränderte sich das. Die Charaktere wurden präsent und vielfältiger, sie bekamen ein Gesicht, waren nicht einfach nur Aborigines, sondern hatten Familien, einen Beruf und ein eigenes Leben. Der Literaturwissenschaftler stellte zudem fest, dass die Autoren heute ihre Romanfiguren mit einem liberaleren Geist gegenüber Aborigines ausstatten. Auch in heutigen historischen Romanen werde die Geschichte neu geschrieben und ehrlicher dargestellt.

Souveränitätsroman als neues Genre der indigenen Prosaliteratur

Interessant ist, was Rodoreda über die Literatur der Aborigines-Autoren sagt: „In ihren Geschichten greifen sie nicht das Nutzungsrecht auf, das ihnen das Mabo-Urteil zugesteht, z.B. das Jagen, Sammeln und Leben in den entsprechenden Gebieten. Stattdessen schreiben sie darüber, was ihnen das Mabo-Urteil verweigert, nämlich das Souveränitätsrecht.“ Dieses Recht hat der Staat behalten, das Land ist nicht Eigentum der Aborigines. „Doch in den Romanen nach dem Mabo-Urteil haben sie dieses Recht, das heißt, die Figuren in den Romanen verhalten sich so, als ob das Land ihnen gehört“, führt Rodoreda aus. „Sie erfinden souveräne politische Räume auf dem australischen Kontinent, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie arbeiten mit der Souveränität der Vorstellungskraft.“ In seiner Dissertation kommt Rodoreda zu dem Ergebnis, dass solche Souveränitätsromane ein neues Genre in der indigenen Prosaliteratur Australiens darstellen, da sie sich stilistisch stark vom dominierenden Prosaformat der 1980er und 90er Jahre unterscheiden. Diese Jahrzehnte waren stark von Lebensgeschichten über die Identität von Aborigines gekennzeichnet.

Dissertation erhält international beachtete Auszeichnung

Für seine Doktorarbeit erhielt Geoff Rodoreda den GAPS Dissertationspreis, eine sehr hohe, international beachtete Auszeichnung. „Das habe ich nicht erwartet“, erklärt der Australier, umso größer war die Freude darüber. Einige hatten ihm zunächst von dem Thema seiner Dissertation abgeraten, da kaum zu erwarten sei, schon 25 Jahre nach einem Ereignis eine neue Strömung oder eine sichtbare Veränderung zu erkennen. In der Laudatio zur Preisverleihung wurde sein Postulat als mutig bezeichnet und herausgestellt, dass seine Arbeit sehr breit angelegt sei und  besonders umfangreiche Literaturuntersuchungen enthalte. Im Oktober 2018 erhält Rodoreda eine weitere Auszeichnung, den Förderpreis für Wissenschaftlichen Nachwuchs der Gesellschaft für Australienstudien.

Literaturtipps

Geoff Rodoreda hat im Rahmen seiner Dissertation unter anderem 19 Romane analysiert. Hier eine Auswahl als Literaturtipp

The Secret River by Kate Grenville (Text Publishing, 2005)
Auf Deutsch: Der verborgene Fluss. Übersetzt von Karina Of und Anne Rademacher (btb Verlag, 2006)

Dirt Music by Tim Winton (Pan Macmillan, 2001)
Auf Deutsch: Der singende Baum. Übersetzt von Klaus Berr (btb Verlag, 2004)

Carpentaria by Alexis Wright (Giramondo, 2006)

That Deadman Dance by Kim Scott (Picador, 2010)

Dr.

Geoff Rodoreda

Wissenschaftlicher Mitarbeiter Institut für Literaturwissenschaft Englische Literaturen