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Thea Dorn: Autonome Maschinen – Das Ende menschlicher Freiheit?

Vortrag im Rahmen der Theodor-Heuss-Gedächtnisvorlesung.

Mit der jährlichen Gedächtnisvorlesung erinnern die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus und die Universität Stuttgart im Sinne des ersten Bundespräsidenten an Freiheit und Demokratie. Die enge Kooperation hat sich bewährt – seit über zwanzig Jahren.

Prof. Michael-Jörg Oesterle, Dekan der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. (c) SBTH / Franziska Kraufmann
Prof. Michael-Jörg Oesterle, Dekan der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Isabel Fezer, Stuttgarter Bürgermeisterin für Jugend und Bildung.   (c) SBTH / Franziska Kraufmann
Isabel Fezer, Stuttgarter Bürgermeisterin für Jugend und Bildung.

In seinen einleitenden Worten beschrieb Prof. Michael-Jörg Oesterle, Dekan der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die historische Verbindung zwischen Universität und Stiftung: Heuss war im Januar 1948 an der damaligen Technischen Hochschule in Stuttgart zum Honorarprofessor für Politische Wissenschaften berufen. „Theodor Heuss war ein überzeugter Liberaler, und zwar in politischer und wirtschaftlicher Dimension“, so Oesterle. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Freiheit den verbindenden Gedanken der Theodor-Heuss-Gedächtnisvorlesung darstellt. Diese Freiheit unterliege mitunter erheblichen Bedrohungen, nicht nur im politischen, sondern auch im technischen Bereich. Somit war der Bogen zum Vortrag des Abends „Autonome Maschinen – Das Ende menschlicher Freiheit?“ der Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn geschlagen. Die Frage, wie die Gesellschaft künstliche Intelligenz nutzen und gleichzeitig menschliche Freiheit wahren kann, liegt auch der Stuttgarter Bürgermeisterin für Jugend und Bildung, Isabel Fezer am Herzen, wie sie in ihrem Grußwort zum Ausdruck brachte.

Eine der großen Fragen der Gegenwart

„Autonome Maschinen – Das Ende menschlicher Freiheit? Auf dieses riesige Thema, das aus meiner Sicht eine der großen Fragen der Gegenwart ist, kann ich keine Antwort geben“, betont Dorn vor den über 300 Gästen im Hörsaal der Universität gleich zu Beginn ihrer gut einstündigen freien Rede. Stattdessen lade sie zum Nachdenken ein. „Ich habe den Eindruck, dass die Techniker, die Naturwissenschaftler, die Forscher mit Siebenmeilenstiefeln voranschreiten. Und wir, die ‚normalen Leute‘, sind irgendwie heilfroh, wenn wir es schaffen, die neueste Version unseres Smartphones zu kapieren“, so ihre Eingangsthese. Vom Eigenleben zunehmend autonomer Fahrzeuge, die plötzlich Dinge tun, die sie früher nicht taten, ganz zu schweigen.

Die Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn lud das Publikum zum Nachdenken ein. (c) SBTH / Franziska Kraufmann
Die Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn lud das Publikum zum Nachdenken ein.

„Wenn wir diesen Stress loswerden wollen, denken sich manche: Lasst uns mit diesem ganzen Thema in Ruhe.“ Bis vor gar nicht so langer Zeit habe sie selbst auch so gedacht. Dorn kam jedoch zum Ergebnis, dass die Gesellschaft sich diese Haltung nicht länger leisten dürfe – „angesichts der Geschwindigkeit, mit der die technologischen Entwicklungen voran galoppieren.“

Martin Luther und Johann Wolfgang von Goethe dienten der Autorin als eindrückliches Beispiel dafür, dass sich Luther, obwohl über 200 Jahre vor Goethe geboren, relativ mühelos in der Lebenswelt des Dichterfürsten zurechtgefunden hätte. Diese Zeiten seien vorbei. Inzwischen müsse man, so Thea Dorn, beinahe im Jahrestakt mit großen Neuerungen zurechtkommen. „Die Frage ist: Kommen wir Menschen bei diesem gewaltigen Tempo überhaupt noch mit?“ Oder bedrohe es das, was zum Menschsein dazugehöre, nämlich dass der Mensch auch langsam sein darf und nicht das unglaubliche Tempo, das vorgegeben werde, immer mitgehen müsse? Die individuelle Freiheit, die sie sich nehme und die jeder sich nehmen könne, sei das Überprüfen der technischen Innovationen, die man sich ins private Haus hole oder eben nicht.

Heikel sei der Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Rechtsprechung oder Kreditvergabe, so Dorn. (c) SBTH / Franziska Kraufmann
Heikel sei der Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Rechtsprechung oder Kreditvergabe, so Dorn.

Aufruf zu grundsätzlichem Nachdenken

Helfen im großen Stil könne der Menschheit aber nur, wenn sie über grundsätzliche Fragen tiefgründiger nachdenke, als das momentan der Fall sei. Dorn bezweifelte, ob der Mehrheit „überhaupt klar ist, was mit den Schlagworten autonome Systeme oder autonome Maschinen, überhaupt gemeint ist.“

Als riesige Themenfelder neben dem autonomen Automobil und Smart Home nannte Dorn Pflegeroboter für Altenpflege und Kranke sowie den Gesundheitsbereich insgesamt. Was die Maschinen so attraktiv mache: „Sie haben so viele Daten gesehen, so viele medizinische Informationen bekommen, dass sie im Zweifel bessere Diagnosen treffen können als erfahrene Ärzte.“

Ein weiterer Bereich beträfe das Militär. Dorn erwähnte autonome Waffensysteme, die ihr Ziel auskundschaften und auch entscheiden, wann der richtige Moment für den Angriff gekommen sei. Da, so die Autorin, werde es „richtig heikel.“ Heikel sei auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Rechtsprechung oder Kreditvergabe. Bei Dorn stellt sich spätestens hier großes Unbehagen ein. Denn diese Mechanismen schüfen ihre eigenen Gesetze, so sie der Mensch nicht gemäß seines Verständnisses von Demokratie und Freiheit überwacht und reguliert.

Deshalb ihr Appell an das Auditorium, sich genau zu informieren und kritisch mit der Materie auseinanderzusetzen. Die komplette Unterwerfung unter die autonomen Systeme will Dorn nicht mehr Freiheit nennen und erntet dafür einhelligen Applaus.