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Ein Experimentalkoffer für den Sportunterricht

Fördergelder aus dem universitätsinternen Fond zum Wissens- und Technologietransfer unterstützten die Entwicklung.

„Katzensprung“, „Armsprung und Drop“ oder „Broken Arm Wing“, das klingt abenteuerlich und ist es auch. Alle Ausdrücke stammen aus dem Parkour, bei dem die Akteure bei dem Zurücklegen einer Strecke Hindernisse überwinden, auf Mauern balancieren, oder von Gebäudeteilen springen. In etwas abgewandelter Form gibt es das auch im Sportunterricht. Tessa Nepper vom Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft (Inspo) hat dazu im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit im Staatsexamen die Idee eines Experimentalkoffers entwickelt. Janina Krämer, ebenfalls vom Inspo, konzipierte einen ähnlichen Experimentalkoffer zum Thema Laufen. Beide Koffer sind als neue Lehrmittel zum Einsatz in Schulen gedacht. Schülerinnen und Schüler können damit weitgehend eigenverantwortlich arbeiten. Es geht nicht nur um Sport, sondern darum, was bei Bewegungen passiert, was genau ein Muskel macht und wie Bewegungsabläufe stattfinden. Dabei beziehen sie digitale Medien ein und bekommen einen ersten Einblick, wie Forschung funktioniert.

Mit der Idee soll es zukünftig einfacher werden, bildungspolitische Vorgaben für den gymnasialen Schulunterricht (nicht nur im Fach Sport) umzusetzen. Es geht um wichtige Ziele wie: Theorie-Praxis-Kopplung, Wissenschaftspropädeutik, Motivation und Interessenförderung (fächerübergreifend, naturwissenschaftlich orientiert), kooperatives Lernen, auch in Projektphasen, und Einfachheit in der Anwendung.

Mit dem Fördergeld aus der uni-internen Forschungsförderung wollten Prof. Wilfried Alt vom Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft und die beiden inzwischen im Referendariat befindlichen Wissenschaftlerinnen die Idee weiterentwickeln und professionell umsetzen. Sie beantragten insgesamt 17.000 Euro.

Wie verlief das Procedere der Antragsstellung?

„Wir haben einen ersten Antrag im Frühjahr 2015 gestellt und 2016 noch einen Folgeantrag, berichtet Prof. Alt. „Die Antragstellung war absolut einfach. Es gibt ein Formblatt mit ganz klarer Struktur. Alles lief sehr unbürokratisch und unkompliziert ab.“

 (c) Regenscheit

Das Projekt

Die beiden Experimentalkoffer „Sportventure Parkour“ und „Sportventure Running“ sind ganz ähnlich aufgebaut. Sie sind für sechs Gruppen mit jeweils drei bis fünf Schülern ausgelegt, die über mehrere Wochen hinweg die Aufgaben erledigen können.

Es gibt ein Spielfeld mit Aktions-, Video- und Hausaufgabenkarten. Über QR-Codes kann man hier mit einem Tablet zum Beispiel kurze Filme ansehen, die die Bewegungsabläufe und Aufgaben zeigen.

Eine Aufgabe ist beim Koffer „Sportventure Parkour“ zum Beispiel der Katzensprung, bei dem man zunächst in die Hocke geht und dann auf einen Kasten springt. Die Übungen sind so aufgebaut, dass sich der Schwierigkeitsgrad schrittweise steigert. Sehr ambitioniert ist der Einsatz komplexer biomechanischer Messverfahren im Unterricht. An einer Station messen die Schülerinnen und Schüler bei einem Sprung auf eine spezielle Kraftmessplattform die Bodenreaktionskräfte und mit Elektroden die Muskelkontraktion. Der Sprung wird auch mit verbundenen Augen durchgeführt. Die Arbeitshypothese ist, dass der Muskel schon vor dem Auftreffen auf der Platte aktiviert wird. Mit verbundenen Augen müsste also ein Unterschied messbar sein, weil man sich dann nicht auf das Auftreffen vorbereiten kann. „Dieses Herangehen führt die Schüler in die forschende Arbeitsweise ein. Mit den Experimentalkoffern kann auch fächerübergreifend gearbeitet werden. Naturwissenschaft und Technik, Biologie, Physik oder Ernährungswissenschaften können zum Beispiel mit einbezogen werden“, erklärt Prof. Wilfried Alt begeistert.

Zur Zeit befinden sich die Koffer noch in der Testphase. Studierende des Lehramts Sportwissenschaft haben die Rolle der Schüler übernommen und Technikpädagogik-Studierende die der Lehrer. Anschließend sollen alle Beteiligten ein detailliertes Feedback geben, das in die Weiterentwicklung der Koffer mit einfließt.

„Damit die Lehrerinnen und Lehrer die Koffer im Unterricht verwenden, ist es sehr wichtig, dass die Anwendung unkompliziert ist. Das trifft besonders für die komplexen Messsysteme zu, deren Bedienung so einfach wie möglich sein sollte“, erklärt der Bewegungswissenschaftler Alt.

Wofür wurde die Fördersumme verwendet?

„Wir haben die Hardware und auch die Software für die Messsysteme gekauft. Die Software wollen wir zukünftig selbst weiterentwickeln und anpassen, dann wird die Anwendung noch einfacher“, erläutert Wilfried Alt. Die Förderung finanzierte zudem die Konzipierung und Herstellung der Spielfelder mit vielen zugehörigen Details. Auch ein Markenlogo für die Koffer und sehr viele Video-Sequenzen mit ganz unterschiedlichen Inhalten wurden erstellt.

Welche Entwicklungen fanden statt?

Die Sportwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler knüpfen Kontakte zu Schulen bzw. zu Lehrern insbesondere dem Sportlehrerverband. „Wir haben bei einer ersten Vorstellung des Konzepts schon Interesse geweckt“, berichtet Alt. Nach der jetzt erfolgten Testphase durch die Studierenden folgt im März 2018 ein Test mit zwei Sportlehrern, die die Koffer im Unterricht verwenden werden. Auch deren Rückmeldungen fließen in die Weiterentwicklung ein.

„Wenn die Weiterentwicklungen umgesetzt sind, haben wir eine neue Stufe erreicht“, erklärt Wilfried Alt. Dann möchte er sich mit dem Prorektor für Wissens- und Technologietransfer, Prof. Thomas Graf, und Dr. Ralf Kaun von der Abteilung Forschung des Dezernats I, über weitere Förderungsmöglichkeiten beraten und vielleicht auch andere Kollegen wie z. B. Prof. Bernd Zinn (Lehrstuhl Berufspädagogik mit Schwerpunkt Technikdidaktik) mit ins Boot holen. „Wir könnten ähnliche Koffer für Naturwissenschaft und Technik, Physik, Biologie und andere Fachbereiche entwickeln“, erklärt er.

Als Fernziel schwebt Alt vor, dass die Universität ein „Kompetenzzentrum für derartige Lehr- und Lernmittel sein könnte. Da die Koffer für Schulen zum Kaufen wahrscheinlich zu teuer sein werden (Kosten momentan 6.000 Euro ohne Gewinn), könnte man ein Verleih-System entwickeln. Auch eine Kooperation mit Herstellern von Lehr- und Lernmittel wäre denkbar oder die Unterstützung durch Sponsoren.

Resümee der Wissenschaftler

Die Möglichkeit der uni-internen Förderung findet Prof. Alt sehr gut: „Wir hätten unser Projekt sonst nicht auf diese Weise umsetzen können. Ich bin auch froh, dass wir unsere Experimentalkoffer im Rahmen der Förderung präsentieren konnten. Man sieht dann auch selbst noch deutlicher, was alles in dem Projekt drinsteckt.“

Prof.

Wilfried Alt

Leiter der Abteilung Biomechanik und Sportbiologie am Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft