Dieses Bild zeigt

Bei Berührung Formveränderung

Humboldt-Wissenschaftlerin zu Gast

Das Design entscheidet immer mehr, wie wir Technik erleben und nutzen. Davon ist auch die Humboldt-Stipendiatin Dr. Céline Coutrix aus Frankreich überzeugt. Design bedeutet bei ihren Forschungsarbeiten keine statische Form, sondern ein dergestalt programmiertes Design, das Gegenständen unterschiedlichster Dimension ermöglicht, ihre Form zu verändern – im Zusammenspiel mit zuvor erforschten spezifischen Nutzeranforderungen. Beim bisher flachen Smartphone sollen zum Beispiel aus zweidimensionalen, auf dem Bildschirm angezeigten Tasten, bei entsprechender Berührung dreidimensionale Knöpfe werden, wodurch die Benutzerfreundlichkeit steigt. Die Forschung von Coutrix kombiniert Kreativität und empirisches Untersuchen mit Benutzern.

Coutrix gehört zur Speerspitze der Disziplin Mensch-Computer-Interaktion. Anfang des Jahres wurde sie von ihrem heimischen Arbeitgeber, dem Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris für ihre Expertise ausgezeichnet. Die Medaille richtet sich an Spezialisten ihres jeweiligen Forschungsgebietes.

Universität Stuttgart als optimale Adresse
Ein futuristisches Szenario tut sich auf, wenn die charmante Französin spricht. Am Institut für Visualisierung und Interaktive Systeme (VIS), genauer am Exzellenzcluster für Simulationstechnologie, einem Neubau am Pfaffenwaldring 5a, verfolgt Coutrix ihr einjähriges Forschungsprojekt. Dort will sie via Simulation und Visualisierung erforschen und vorausberechnen, wo interaktive Veränderungen in der Formgebung sinnvoll sind und deshalb möglich werden sollen. Stuttgart war für dieses Projekt die Universität ihrer Wahl, denn das Team um ihren gastgebenden Professor Albrecht Schmidt sei international bekannt. Zudem passe ihr Forschungsthema sehr gut zur Arbeit des Instituts. Am VIS leitet der Informatiker Schmidt die Arbeitsgruppe Mensch-Computer Interaktion.

Coutrix möchte Computer jeglicher Art durch Variationsmöglichkeiten in der Form bedienungsfreundlicher machen. Anhand von „soft robotics“ manipuliert sie Gegenstände, lässt sie für zuvor definierte Tätigkeiten wachsen oder schrumpfen und danach wieder in ihre Ursprungsform zurückkehren. Für ihre Studien arbeitet die Informatikerin zunehmend mit „hard robotics“ zusammen. Anhand von unterschiedlichen Prototypen wird getestet, wie gut der Mensch mit dem neu entworfenen computerisierten Gegenstand arbeiten kann. Einer ihrer Prototypen ist zum Beispiel ein Mischpult, dessen Regler verschiedene Größen annehmen können.

 

Die Französin Dr. Celine Coutrix untersucht mit Simulationen und Visualisierungen, wo interaktive Veränderungen in der Formgebung sinnvoll sind. (c) Roeder
Die Französin Dr. Celine Coutrix untersucht mit Simulationen und Visualisierungen, wo interaktive Veränderungen in der Formgebung sinnvoll sind.

Flexible Form = Flexiblere Nutzung
Die Formel lautet: Die Form soll sich nach den Bedürfnissen des Menschen ändern können. Je nach Formgebung kann sich auch die Performance verbessern oder verändern. Zum Beispiel könnte mit der Vergrößerung eines Bedienelements die Genauigkeit bei dessen Benutzung zunehmen. Will der Benutzer aber beweglich sein, reduziert er die Größe des Elements, nimmt dafür einen Verlust an Genauigkeit in Kauf. Zusammen mit dem VIS will Coutrix das Grundlagenwissen um die Interaktion mit physikalisch flexiblen Benutzeroberflächen fortschreiben. Bisher besteht ein großes Wissensdefizit, wie sich die physikalische Formveränderung und die digitale Repräsentation von Daten vereinen lassen. 

Als Schülerin hatte Céline Spaß an Mathematik und daran, zu versuchen, Lösungen für Problemstellungen zu finden. Dazu kam ihre Liebe zur Kunst. Eine Zeitlang versuchte sie, Kunst und Computerwissenschaft interdisziplinär zu verknüpfen. Sie programmierte Kunstinstallationen, die sich bei Berührung veränderten.

Unterschiede in der Forschung
Zwar werde das CNRS bisweilen mit dem Max-Planck-Institut verglichen, doch am MPI arbeitet man dann an einem bestimmten Institut, bemerkt die polyglotte Wissenschaftlerin. Anders im sonst zentralistischen Frankreich. Sobald das nationale Zentrum für Wissenschaftsforschung in Paris eine Stelle freigegeben hat, kann der/die Stelleninhaber/in die Forschungstätigkeit an fast jedem französischen Forschungsinstitut aufnehmen. 

Coutrix entschied sich seinerzeit für Grenoble und ist seit sieben Jahren in der komfortablen Situation, eine Festanstellung zu haben. Warum also nach Deutschland? „Es ist bereichernd, immer mal wieder mit anderen Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten“, lacht die 34-jährige Vollblutwissenschaftlerin. Die Arbeitsmethoden seien durchaus verschieden. Nach Ihrer Promotion war die Informatikerin schon einmal im Ausland, damals in Helsinki (Finnland). „Mein Wissen, wie international geforscht wird, war bis dato auf zwei Nationen begrenzt“, sagt sie bescheiden. 

Von Grenoble nach Tübingen
Mit ihrem Mann und der kleinen Tochter ist Céline Coutrix aus dem gebirgigen Grenoble nach Deutschland gezogen. Nicht nach Stuttgart, sondern nach Tübingen, weil ihr Mann am dortigen Max-Planck-Institut forscht. Von Stuttgart kennt die unkomplizierte Frau aus der Normandie daher bisher nur den Universitätscampus. Die kleine Tochter spricht mehr deutsch als französisch. Sie bekommt in wenigen Tagen ein Schwesterchen. Doch die dann zweifache Mutter wird nicht lange ausfallen. Ab Mitte Juli gilt ihr Leben wieder der Forschung. Auch darin, so sagt sie lächelnd, bestehe ein kultureller Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland.

VIS, Abteilung Mensch-Computer Interaktion