Publizieren!

Auf der Suche nach einer universellen Grammatik

Dr. Fabian Bross vom Institut für Linguistik beschäftigt sich mit der Deutschen Gebärdensprache, insbesondere der süddeutschen Variante. Im Rahmen der Reihe Publizieren! haben wir mit ihm über seine Erkenntnisse gesprochen, die er in verschiedenen Publikationen veröffentlicht hat.

Der Linguist Dr. Fabian Bross erforscht sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten verschiedener gesprochener Sprachen und Gebärendsprachen.

Schon seit seinem Studium interessiert sich der Linguist Dr. Fabian Bross für Gebärdensprachen. Er erforscht sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten verschiedener gesprochener Sprachen und Gebärdensprachen. In seiner Publikation „Object marking in German Sign Language“, die Bross im Juni 2020 veröffentlicht hat, beschäftigt sich der Sprachwissenschaftler vor allem mit dem Phänomen der differenziellen Objektmarkierung. Dabei handelt es sich darum, dass ein Objekt innerhalb eines Satzes, je nach Kontext, verschiedene Markierungen erhalten kann und es dadurch eine besondere Bedeutung erhält. In vielen Sprachen werden belebte und eindeutig definierte Objekte markiert. Fabian Bross zeigt, dass die differenzielle Objektmarkierung auch in der Deutschen Gebärdensprache vorhanden ist. In der gesprochenen deutschen Sprache ist es dagegen kaum ausgeprägt. Dennoch zeigt eine Spurensuche, dass Ansätze der differenziellen Objektmarkierung auch im gesprochenen Deutschen existieren. Die Forschungsfragen werden dem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für Linguistik nicht so schnell ausgehen. Stuttgart ist die einzige Universität im süddeutschen Raum an der es linguistische Forschung zu Gebärdensprachen gibt – ein Alleinstellungsmerkmal. Untersuchen möchte Fabian Bross zum Beispiel auch die Jugendvariation der Gebärdensprache.

Originalpublikation

Bross, F. (2020). Object marking in German Sign Language (Deutsche Gebärdensprache): Differential object marking and object shift in the visual modality. In: Glossa, A Journal of General Linguistics, 5(1), 63, http://doi.org/10.5334/gjgl.992.
Weitere Publikationen.

Was sind Gebärdensprachen?

Dr. Fabian Bross: Auf der Welt gibt es ungefähr 200 bis 400 verschiedene Gebärdensprachen. Wie viele es genau sind, wissen wir nicht, weil sie kaum erforscht sind. Sie unterscheiden sich in ihrer Grammatik und in den Gebärden, die sie verwenden. Aufgrund der visuellen Natur der Gebärdensprachen werden manche Dinge so ausgedrückt, dass jemand, der die Deutsche Gebärdensprache verwendet, jemanden, der Japanische Gebärdensprache verwendet, verstehen kann. Das gilt zum Beispiel für die Gebärde für trinken. Aber eine komplexe Unterhaltung über abstrakte Themen können diese beiden Personen trotzdem nicht führen. Gebärdensprachen sind visuelle eigenständige Sprachen mit einer komplexen Grammatik, die sich häufig stark von der sie umgebenden Lautsprache unterscheiden. Es gibt in der Deutschen Gebärdensprache zum Beispiel kein Tempus, dies kann nur mit Beschreibungen wie „morgen“ oder „gestern“ ausgedrückt werden. So ist es übrigens in vielen anderen Sprachen auch, z.B. im Chinesischen.

Was wird in Stuttgart untersucht?

FB: Wir beschäftigen uns hier mit allen Aspekten der Grammatik der Deutschen Gebärdensprache. Ich untersuche die süddeutsche Variante der Deutschen Gebärdensprache, wie sie beispielsweise in Stuttgart, Karlsruhe, Heidelberg oder München verwendet wird. Hier gibt es einige sprachliche Besonderheiten, die wir im Rest Deutschlands nicht finden. Das betrifft einerseits die Gebärden selbst. In den eher katholisch geprägten Teilen Deutschlands wird die Gebärde für Sonntag mit zwei aneinandergelegten Gebetshänden gebildet und in den eher protestantisch geprägten Gebieten streift man vom Hals an über die Brust, was an das Beffchen evangelischer Geistlicher erinnert. Andererseits gibt es aber auch grammatische Unterschiede, zum Beispiel in der Wortstellung oder in der Art, wie Negation ausgedrückt wird.

Was bedeutet differenzielle Objektmarkierung?

FB: Das Phänomen „differenzielle Objektmarkierung“ kennt man in vielen Sprachen der Welt, es betrifft die direkten Objekte einer Sprache. In den Sätzen „Paul umarmt den Mann“ und „Paul umarmt ein Straßenschild“ wären das z.B. den Mann und ein Straßenschild.

Das Deutsche kennt keine differenzielle Objektmarkierung. Direkte Objekte erscheinen ziemlich einheitlich im Akkusativ. Sprachen, wie das Spanische, das Türkische oder viele Bantu-Sprachen, die über differenzielle Objektmarkierung verfügen, markieren unterschiedliche Arten von Objekten auf verschiedene Art. Dabei macht es z.B. einen Unterschied, ob die Objekte belebt sind oder unbelebt oder ob sie definit oder indefinit sind. In den Beispielsätzen ist das Objekt „Mann“ sowohl belebt als auch definit, was am bestimmten Artikel den zu sehen ist. Das Objekt „Straßenschild“ ist unbelebt und indefinit, zu sehen am unbestimmten Artikel ein.

Die Gebärde AUF: Sie wird gebildet, indem man Daumen und Zeigefinger abspreizt und eine bogenförmige Bewegung macht. Die Gebärde endet dort, wo später das Objekt gebärdet wird.

Wie haben Sie die differenzielle Objektmarkierung in der Deutschen Gebärdensprache nachgewiesen?

FB: Es gibt eine Gebärde, die Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftlern lange Kopfzerbrechen bereitet hat. Die Gebärde heißt AUF. Hier einige Beispiele, wie die Gebärde in Sätzen verwendet wird (die Gebärde wird hier der Einfachheit halber mit deutschen Wörtern in Kapitälchen geschrieben):
PAUL AUF MARIA SAUER bedeutet „Paul ist sauer auf Maria.“
MARIA AUF PAUL KENNEN bedeutet „Paul kennt Maria.“
MARIA AUF PAUL UMARMEN bedeutet „Maria umarmt Paul.“

Die Gebärde AUF wurde bisher immer als Hilfsverb analysiert, weil sie meistens mit Verben auftritt, die nicht gebeugt werden können. Diese Theorie hat jedoch mehrere Schönheitsfehler. Der offensichtlichste ist, dass AUF nur mit belebten direkten Objekten auftritt. Will man zum Ausdruck bringen, dass Paul Maria kennt, dann fügt man AUF ein. Will man sagen, dass Paul Stuttgart kennt, kann man AUF nicht verwenden.

Der Satz Paul kennt Maria auf Deutscher Gebärdensprache. Jede Person, die sich in der Gebärdensprachwelt bewegt, bekommt irgendwann einen Namen zugewiesen. Die Namen Paul und Maria sind hier aber nur Abkürzungen, nämlich ein P für Paul und ein M für Maria.
Der Satz Paul kennt Stuttgart auf Deutscher Gebärdensprache. Man kann gut sehen, dass sich der Mund beim Gebärden immer mitbewegt. Oft handelt es sich um Silben, die der deutschen Lautsprache entlehnt sind. Diese sogenannten ‚Mundbilder‘ sind im Sprachkontakt mit dem Deutschen entstanden.

Hinzu kommt, dass es Verben gibt, die komplett gebeugt werden und trotzdem nur mit AUF funktionieren, wenn das direkte Objekt belebt ist. Zudem konnte ich zeigen, dass es Umgebungen gibt, in welchen keine Hilfsverben auftauchen können, AUF aber trotzdem verwendet werden muss.

Deshalb stellte sich die Frage, was AUF ist, wenn es kein Hilfsverb ist. Und hier kommt die differenzielle Objektmarkierung ins Spiel. Alles deutet darauf hin, dass es sich bei AUF um eine Gebärde handelt, deren einzige Funktion es ist, belebte Objekte zu markieren. Das bedeutet, dass die Deutsche Gebärdensprache vollkommen unabhängig von der deutschen Lautsprache ein System entwickelt hat, das wir aus vielen anderen, für uns teilweise sehr exotischen Sprachen, kennen.

Welche Gemeinsamkeiten von Sprachen haben Sie gefunden?

FB: In der Sprachwissenschaft interessieren wir uns für die Frage, ob es trotz der Unterschiedlichkeit der Sprachen der Welt nicht Dinge gibt, die in allen Sprachen gleich funktionieren. Das kann man sich wie eine Art universelle Grammatik vorstellen, die in allen Sprachen gleich ist. Trotzdem gibt es natürlich teils drastische Unterschiede zwischen den Sprachen, die es nicht gerade einfach machen, die Gemeinsamkeiten herauszufiltern. Um das zu illustrieren, kann man sich auch das gesprochen Deutsche ansehen, hier tritt die differenzielle Objektmarkierung nicht auf. Interessanterweise verhält sich das Deutsche aber manchmal so, als gäbe es dieses Phänomen doch. Dies zeigt sich z. B. in den Sätzen „…, dass Paul den Mann oft umarmt“ und „…, dass Paul oft ein Straßenschild umarmt“. Definite direkte Objekte stehen im deutschen Nebensatz vor Adverbien wie oft, indefinite stehen aber danach.

Einen ähnlichen Effekt hat die Belebtheit im Deutschen. Zwar verfügen wir im Deutschen über eine relativ flexible Wortstellung, aber wenn in einem Satz zwei Objekte vorkommen und eines davon belebt ist, dann würde es komisch klingen, wen man das belebte Objekt nicht zuerst nennen würde: „Die Professorin zeigt den Studierenden ein Bild“ klingt super, wohingegen „Die Professorin zeigt ein Bild den Studierenden“ irgendwie holprig klingt.

Das bedeutet nun nicht, dass das Deutsche über differenzielle Objektmarkierung verfügt, aber es bedeutet, dass die gleichen Kräfte, die die differenzielle Objektmarkierung antreibt, auch im Deutschen ihre Wirkung entfalten. Und genau dafür interessiert sich die Sprachwissenschaft, welche kognitiven Mechanismen treibt die Grammatik von Sprachen an und was sagt uns das über uns Menschen.

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Die besprochene Arbeit wurde in Glossa publiziert. Das ist ein Journal der Open Library of Humanities (OLH), einer von Wissenschaftlern gegründeten Publikationsplattform. Glossa ist seit Mai 2020 in Scopus indexiert, die Publikationen tragen damit zu den Uni-Rankings bei. Die Finanzierung von Open-Access-Publikationen in Glossa hat die Universität übernommen. Eine Verlängerung der Vereinbarung mit der OLH ist geplant.

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